Nichtchristen meiden meinen Hauskreis. Diese bittere, aber auch fruchtbare Erkenntnis traf mich vor etwa zwei Jahren. Ich hatte es mit Einladungen und Überredungskünsten versucht, einige kamen wirklich und gaben danach ihre Kommentare zum Besten: zu konservativ, zu theologisch, zu „sozialpädagogisch“.
Ich nahm das alles mit einem Grinsen zur Kenntnis und
mir erst später ernsthaft zu Herzen. Tatsächlich liegen deren und unsere Vorstellungen darüber, was beim Bibellesen interessant und wesentlich ist, weit auseinander. Auch wenn die Fragen ähnlich sind – das Vorwissen und der Wortschatz sind manchmal so unterschiedlich, dass man leicht aneinander vorbeiredet.
Zusammen mit einer anderen Christin lud ich unsere Freunde zum Abendessen ein, bei dem sie ihre Wünsche und Ideen für eine eigene Bibelgruppe äußern konnten. Etwas „Eigenes“ – da wollten immerhin sechs Leute mitmachen, mitgestalten und mitreden. Wir begannen also mit wöchentlichen Treffen, bei denen wir Kochen und Essen zum festen Programmpunkt machten und dann das Markus-Evangelium lasen. Die Besetzung wechselte nach kurzer Zeit fast vollständig – geblieben ist ein harter Kern aus fünf Leuten, die inzwischen alle gute Freunde geworden sind. Da ist zum Beispiel Franziska, die lesbisch ist und gerne über das Thema „Gender-Mainstream“ plaudert. Oder Carsten, der aus Ostdeutschland kommt, zwar kein christliches Allgemeinwissen, dafür aber sozialistische Überzeugungen mitbringt. Oder Ina, die meistens ruhig zuhört. Und Alex, der katholische Christ mit seinen unerschütterlichen Dogmen. Dazwischen ich, die Evangelikale, die zwischen konservativen und liberalen Ansichten schwankt. Eine bunte Mischung, die heiße Diskussionen garantiert.
In den letzten zwei Jahren habe ich in dieser Gruppe wertvolle Erfahrungen gesammelt. Das gemeinsame Lesen in der Bibel ist eine sehr gute Möglichkeit, um sich über Fragen nach dem Lebenssinn, über Spiritualität, Werte, Selbstverwirklichung und so weiter auszutauschen – Themen, die Nichtchristen natürlich genauso interessieren. Wir sind neue Wege gegangen, haben zum Beispiel der Jesus-Interpretation von Klaus Kinski zugehört. Wir haben alte Wahrheiten neu überdacht und aus Wahrheiten Fragen formuliert: „Weshalb wird die Welt eigentlich untergehen?“, und wir haben uns selbst hinterfragt.
Für mich war es hilfreich, noch einen anderen Christen in der Gruppe zu haben, weil mir die Verantwortung zu groß war, allein auf alle Fragen einzugehen. Manches habe ich einfach nicht gewusst, manches habe ich falsch erklärt. Wir konnten uns so gegenseitig berichtigen oder ergänzen. Außerdem haben Alex und ich unterschiedliche Schwerpunkte: Ich lenke das Gespräch immer wieder auf Jesus, er dagegen lässt sich auch gerne auf Streifzüge durch das Alte Testament ein. Wir sind noch immer die einzigen Christen in der Gruppe und nennen die anderen spaßeshalber Heiden. Sie mögen Jesus, wissen jetzt auch etwas mit der Bibel anzufangen, respektieren den christlichen Glauben – dass ihre Beziehung zu Gott in Ordnung kommt, können wir allerdings nicht beeinflussen. Trotzdem bin ich dankbar
für diese Zeit mit ihnen. Wir haben uns gegenseitig verändert, bereichert, näher an das Wort Gottes herangebracht. Inzwischen bin ich umgezogen. Ich hoffe, dass meine Freunde auch in Zukunft in der Bibel lesen werden. Und hoffentlich werde auch ich wieder solche wertvollen Menschen finden, die mit mir ihre Gedanken teilen, wenn wir zusammen die Bibel aufschlagen.
Anna Heinemann studiert Germanistik und Geschichte in Leipzig und ist in einer Studentengruppe der Navigatoren aktiv.