Gott Vertrauen

Jerry Bridges

Es gibt Bücher, zu denen man immer wieder zurückkehrt. „Gott vertrauen“ von Jerry Bridges gehört seit zwanzig Jahren zur Grundausrüstung vieler Navigatoren, und das Mitarbeiterteam der Studentenarbeit vertieft sich in diesen Wochen gerade wieder neu hinein. bzw nimmt die Neuauflage des Buches zum Anlass für eine Kostprobe aus Kapitel 7:

 

Gottes Souveränität und unsere Verantwortung

Wir aber flehten zu unserem Gott und stellten Tag und Nacht Wachen auf (Nehemia 4,3).


Wenn wir nicht aufpassen, können wir ... leicht eine fatalistische Haltung im Blick auf Gottes Souveränität einnehmen. Ein Student, der eine wichtige Prüfung nicht besteht, versucht sich selbst mit den Worten zu entschuldigen: Gott ist souverän, und er hat beschlossen, dass ich durch diese Prüfung fallen sollte. Ein Autofahrer kann einen Unfall verursachen und seine Unaufmerksamkeit leugnen, indem er den Unfall der Souveränität Gottes zuschreibt. Auch wenn offensichtlich beide Haltungen unbiblisch und töricht sind,

ist die Gefahr groß, dass wir in eine solche Denkweise geraten.


Souveränität und Gebet

Wir haben vorhin Gottes souveräne Herrschaft über das Wetter und andere Naturgewalten betrachtet. Da ich häufig mit dem Flugzeug unterwegs bin, habe ich oft Wetterverhältnisse erlebt, die einen Flug absolut unmöglich machten. Als ich eines Abends in einem Schneesturm nach Hause fuhr, dachte ich darüber nach, dass der Flughafen wegen des Schneesturms geschlossen war. Ich neige in solchen Fällen dazu, mir im Voraus viele Sorgen zu machen. Also beschloss ich zu beten: „Gott, ich weiß, dass du Herr über diesen Sturm bist und ebenso über die Konferenz, auf der ich sprechen soll. Wenn du möchtest, dass ich morgen Abend bei der Konferenz bin, dann wirst du diesen Sturm vertreiben, so dass der Flughafen morgen früh wieder geöffnet wird. Ich werde mir darüber keine weiteren Sorgen mehr machen.“


Diese Haltung war für mich schon ein Fortschritt. Als ich zu Hause ankam, verkündete ich meiner Frau meinen Entschluss, mir keine Sorgen mehr darüber zu machen, ob ich am folgenden Morgen planmäßig fliegen könnte. Sie sah mich mit einem Lächeln an und meinte: „Mach dir keine Sorgen, aber bete dafür.“


„Wie dumm von mir“, dachte ich bei mir selbst. Ich hatte mich so stark auf Gottes Souveränität über das Wetter konzentriert, dass ich seine ausdrückliche Aufforderung zu beten völlig vergessen hatte. Er sagt in der  Tat zu uns: „Macht euch keine Sorgen!“, doch danach folgt unmittelbar: „Ihr dürft Gott um alles

bitten. Sagt ihm, was euch fehlt und dankt ihm!“ (Philipper 4,6)


Gott war auf jeden Fall Herr über den Schneesturm, der zur Schließung des Flughafens geführt hatte. Das Wissen um seine Souveränität ist aber als Ermutigung zum Gebet gemeint, nicht als Entschuldigung, um in eine Art frommen Fatalismus zu verfallen.


Im vierten Kapitel der Apostelgeschichte berichtet uns die Bibel davon, wie Petrus und Johannes vom jüdischen Rat den Befehl erhalten, nicht mehr im Namen Jesu zu sprechen und zu lehren.


Als Petrus und Johannes das den anderen Christen berichten, beten sie gemeinsam: „Herr, du hast den Himmel, die Erde und das Meer erschaffen und dazu alles, was lebt. … Sie haben sich verbündet: Herodes und Pilatus, die Römer und ganz Israel. Sie sind eins geworden im Kampf gegen Jesus, deinen heiligen Sohn, den du erwählt hast. Doch sie erfüllen nur, was du in deiner Macht schon seit langem beschlossen hast. Und nun, Herr, höre ihre Drohungen! Hilf allen, die an dich glauben, deine Botschaft ohne

Angst weiterzusagen“. (Apostelgeschichte 4,24;27–29)


Die Jünger glaubten an die Souveränität Gottes. Gottes Souveränität war für sie jedoch Anlass und Ermutigung zum Gebet. Sie glaubten, dass Gott in der Lage war, ihre Gebete zu erhören, weil er souverän ist. Sie erkannten Gottes souveränen Plan in Ereignissen der Vergangenheit (z.B. in der Kreuzigung). Sie gingen jedoch nicht davon aus, Gottes Beschlüsse auch für zukünftige Ereignisse zu kennen. Sie wussten nur, dass Gott sie als Zeugen in Jerusalem, Judäa und ganz Samarien bis an die Enden der Welt beauftragt hatte. Also beteten sie im Vertrauen, dass der souveräne Gott, der sie beauftragt hatte, fähig war, die Hindernisse auszuräumen, die ihrem Gehorsam im Wege standen.


Wenn Gott nicht souverän ist, haben wir keine Gewissheit, dass er in der Lage ist, unsere Gebete zu erhören. Unsere Gebete wären nicht mehr als Wünsche. Da jedoch Gottes Souveränität gemeinsam mit seiner Weisheit und Liebe die Basis für unser Vertrauen bilden, ist Gebet der Ausdruck unseres Vertrauens.


Der Apostel Paulus schrieb aus dem Gefängnis in Rom an seinen Freund Philemon: „Übrigens rechne ich damit, dass Gott eure Gebete erhört und ich bald zu euch kommen kann. Dann würde ich gerne bei dir wohnen.“ (Philemon 22) Paulus gab nicht vor, Gottes Pläne für sein Leben zu kennen. Er hoffte darauf, dass Gott seine Gebete erhören würde. Doch er sagte nicht: „Ich werde bald zu euch kommen.“ Er wusste, dass Gott in seiner Souveränität sehr wohl in der Lage war, seine Freilassung herbeizuführen. Gebet war der Ausdruck seines Vertrauens in die Souveränität Gottes. Gottes Souveränität enthebt uns nicht der Verantwortung zu beten, sie ermöglicht vielmehr, vertrauensvoll zu beten.


Aus: Gott vertrauen, Jerry Bridges. 1990/2011 Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH.