Keiner guckt hin? - Gedanken zur Situation eines 'Insiders'

Paul Kimani

Anmerkung der Redaktion: In der letzten Ausgabe von bzw. wurde bereits auf das Buch Der Insider: Evangelisieren durch Beziehungen von Jim Petersen und Mike Shamy hingewiesen (Bielefeld: CLV, 2004). Die Autoren beschreiben einen Insider als jemanden, der in seinem natürlichen Lebensumfeld, in das Gott ihn hineingestellt hat, seinen Glauben lebt und bezeugt, nicht durch große Aktionen, sondern durch kleine Initiativen, wenige Worte, viel Gebet und das Ergreifen der Gelegenheiten, die Gott schenkt. In dieser Ausgabe von „bzw." soll dieses Thema vertieft werden. Jim Petersen und Mike Shamy schreiben im Vorwort ihres Buches: „Wenn Sie dieses Buch aus der Hand legen und dabei denken: ‚Ist das alles, was ich tun muss? Das kann ich schaffen!', dann sind wir mit unseren Bemühungen zufrieden." Dasselbe wünschen wir uns für die folgenden Seiten von „bzw."

 

In Lukas 10,25-37 finden wir die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Wir sind es gewohnt, vom „barmherzigen Samariter" zu reden, aber Jesus sagt einfach „ein Samariter". Keiner kennt seinen Namen.

Die Geschichte handelt zwar nicht unmittelbar von der Lebenssituation eines „Insiders". Aber sie gibt wertvolle Denkanstöße dazu, und es geht in ihr ja auch um die Frage: „Wer ist denn mein Nächster?" Von diesem Unbekannten können wir einiges darüber lernen, wie wir als „Insider" unser Umfeld mit unserem Glauben beeinflussen können.

Erstens: Gott handelt durch eine Person, von der man es nicht erwartet hätte, um sein Heil zu einem Menschen zu bringen.

So wie man damals Mission verstand, hätte man damit gerechnet, dass Gott dem unglücklichen Opfer des Raubüberfalls durch den Priester oder durch den Leviten helfen würde. Schließlich waren diese Männer berufene Diener Gottes. Außerdem war das Opfer wahrscheinlich ein Jude und damit einer von ihnen.

Aber die, die „Träger der Botschaft" hätten sein sollen, zeigten sich der Herausforderung nicht gewachsen. Und so blieb es einem unbekannten Samariter vorbehalten zu tun, was nach Gottes Willen getan werden musste. Er hatte keinen offiziellen Titel, der ihn dazu berechtigt hätte, etwas im Namen Gottes zu tun. Ihm war auch von keiner menschlichen Instanz eine Vollmacht dazu verliehen worden - schließlich war er ja nur ein Samariter. Und doch wurde er zu Gottes Werkzeug, um der Not des Augenblicks zu begegnen. Dabei erwies er sich als ein sehr wirksamer „Träger der Botschaft".

Hast du das Gefühl, dass dir zum Weitergeben der Botschaft Vollmacht, Eignung, Erfahrung fehlen? Du bist genau die Person, die Gott gebrauchen möchte!

Zweitens gebraucht Gott Umstände, in denen man es nicht erwartet hätte, um sein Heil zu bezeugen.

Für den Priester und den Leviten war ihr Dienst das, was man im Tempel tat. Sie waren hauptamtliche Mitarbeiter im Rahmen der fest geregelten gottesdienstlichen Abläufe im Tempelbezirk. Als sie auf der Straße unterwegs waren, war ihnen wohl kaum der Gedanke gekommen, dass Gott ihnen ausgerechnet jetzt die Gelegenheit zu einer „gottesdienstlichen Handlung", also einem Dienst für Gott geben würde. Sie zogen gerade (wie vor ihnen der Überfallene) „von Jerusalem hinab nach Jericho". Sie hatten vermutlich gerade eine Dienstphase im Tempel hinter sich. Jetzt sahen sie den Mann „halbtot" daliegen. Vielleicht vermieden sie bewusst jede Berührung, um nicht kultisch unrein zu werden. Oder ihnen fehlte einfach nur das Mitgefühl. Der Samariter aber sah den Mann und wurde von Mitleid überwältigt. Er hielt an und tat genau das, was eigentlich das Normale in einer solchen Lage sein sollte.

In seinem Budget war das Geld, das er bei sich hatte, wahrscheinlich schon für ein anderes Projekt fest eingeplant. Das hielt ihn aber nicht davon ab, alle seine Mittel (Bargeld, Öl und Esel) einzusetzen, um dieser unerwarteten Not zu begegnen. Indem er das tat, gab er zu erkennen, dass er tatsächlich „Träger der Botschaft" war.

Hast du das Gefühl, keine missionarischen Gelegenheiten zu haben? Gott sieht die alltäglichen Umstände deines Lebens als genau das an: als missionarische Gelegenheiten. Sogar die banalen Situationen, die man normalerweise gerade nicht als solche betrachten würde.

Drittens schenkt Gott Anerkennung, die man nicht erwartet hätte.

Wir lesen nicht, dass der Wirt in der Herberge die gute Tat des Samariters herausposaunt hätte. Wir lesen auch nicht, dass der Samariter selbst auf Anerkennung wert gelegt hätte. Die Juden haben vielleicht sogar nie von ihm erfahren. Das Opfer des Raubüberfalls hat möglicherweise nur von dem Wirt erfahren, dass ein unbekannter Samariter ihn gerettet hatte. Aber Jesus nimmt sein Handeln wahr! Ausgerechnet einem Samariter wird die Anerkennung zuteil, den Begriff des „Nächsten" verstanden zu haben.

Hast du das Gefühl, dass das, was du tust, nicht anerkannt wird? Vielleicht weil es so banal und bedeutungslos ist? Jim White, der die Navigatorenarbeit in Kenia von 1968 bis 1973 leitete, sagte mir einmal: „Unser Einfluss als Leiter liegt in den kleinen Dingen des Alltags, die keiner wahrnimmt." Wir werden im Himmel sehr überrascht sein, wenn Jesus dem, was wir getan haben, Anerkennung zollt. Wir werden dann merken, dass er uns oft in einer Weise gebraucht hat, die uns selbst gar nicht bewusst geworden ist. Der rote Faden wird sein, dass wir einfach nur Gott und die Menschen um uns herum geliebt haben (Lukas 10,27). Das ist das Entscheidende bei einem Insider.

Bete doch einfach, dass Gott dich jeden Tag als die Person benutzt, die unerwarteterweise jemand anderem Gottes Heil nahe bringt. Bete, dass Gott dir die Augen öffnet für die unerwarteten Umstände, in denen sein Heil gefragt ist. Und gib dich damit zufrieden, dass deine Bemühungen im Himmel wahrgenommen werden und wider Erwarten Anerkennung finden, auch wenn hier auf Erden keiner etwas davon mitbekommt.

Aus ENEZA, einer Veröffentlichung der Navigatoren Kenia, Ausgabe 3/05 (Juli-September).

Paul Kimani, Kenianer, Ehemann von Wanjiku und Vater von drei Söhnen, fand als Schüler zum Glauben und arbeitet seit 1986 für die Navigatoren seines Heimatlandes. Gerade hat er die Landesleitung, die er dort für fünf Jahre inne hatte, in die Hände seines Nachfolgers gelegt, um für neue Herausforderungen bereit zu stehen.