Wir Menschenfischer ? Einfache Fragen! Einfache Antworten?

Ein Referat von Ren?e Jaeschke, notiert von Martina Dr?ge

Für alle, die Renée Jaeschkes Referat auf der HerbstKonferenz Anfang November 2005 nicht hören konnten, kommt hier in gekürzter Form die Fortsetzung der HeKo-Eindrücke. Das, was Renée gesagt hat, war lebensnah, hatte Hand und Fuß und vor allem Herz. Sie stellte sich und uns einfache Fragen und beantwortete sie sowohl mit Gedanken aus der Bibel als auch mit Geschichten aus ihrem Leben. Im Folgenden lasse ich Renée zu Wort kommen. Für die persönlichen Erfahrungen, die aus Platzgründen hier größtenteils fehlen, möchte ich auf die Kassettenaufnahme des Vortrags hinweisen.

 

1) Wer sind wir, wir Menschenfischer?

1. Mose 21,6 beschreibt Saras Gefühle nach der Geburt Isaaks. Die Leute werden lachen! Es ist so deutlich, dass seine Geburt nur ein Wunder gewesen sein kann.

Genauso unwahrscheinlich wie die Geburt Isaaks ist unsere Wiedergeburt als Christen. Aber „Gott vermag dem Abraham aus Steinen Kinder zu erwecken" (Matthäus 3,9). Dieses Ereignis ist immer ein wundersames Werk Gottes. Bis es dazu kommt, fließen viele Faktoren, Begegnungen, Ereignisse und Gebete zusammen, um den Augenblick herbeizuführen, in dem ein neues Kind Gottes geboren wird. Gott ist der Designer dieses Puzzles aus unzähligen Teilen, Gott ist der Designer dieses Augenblickes.

Was ist also die Antwort auf die erste Frage? Wir sind Nachkommen Abrahams, Kinder Gottes, aus Steinen erweckt, wir sind ein wahres Wunder.

 

2) Was sollen wir tun, wir Menschenfischer?

Die Aufforderung, die wir von Gott bekommen, klingt einfach: „Wandle vor mir und sei fromm" (1. Mose 17,1), sei aufrichtig, wahrhaftig. „Wohne im Lande und übe Treue" (Psalm 37,3).

Aber wie erfahren wir selbst den Umgang mit dieser Aufforderung? Es ist gar nicht so einfach, aufrichtig vor Gott zu wandeln. Wir Christen sind, solange wir hier auf der Erde sind, zu jeder Form der Untreue und zu jeder Form der Selbsttäuschung fähig. Deshalb warnt Paulus die Christen in Korinth: „Wer meint, er stehe, mag zusehen, dass er nicht falle" (1. Korinther 10,12). Noch deutlicher wird er den Galatern gegenüber, als sie in der Gefahr sind, einen falschen Weg einzuschlagen: „O ihr unverständigen Galater! Wer hat euch bezaubert, denen doch Jesus Christus vor die Augen gemalt war als der Gekreuzigte?" (Galater 3,1).

Was sollen wir also tun? Während wir versuchen, die großen und kleinen Herausforderungen und Enttäuschungen des Alltags zu bewältigen, sollen wir den Gekreuzigten vor Augen haben: morgens, abends und dazwischen ... mit der Zuversicht, dass ein liebender Vater über uns wacht, wenn wir schlafen. Wir sollen also Jesus Christus vor Augen haben, so dass wir nicht vom Weg abkommen, damit wir am Ende des Lebens selber ans Ziel kommen. „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?" (Matthäus 16,26).

 

3) Welchen Auftrag haben wir, wir Menschenfischer?

Der Auftrag gegenüber unseren Mitmenschen ist es, das Evangelium weiterzugeben. Für uns bei den Navigatoren in Deutschland ist er in Menschenworten ausgedrückt in unserem „Mission Statement": „Wir wollen eine von der Nähe zu Christus und von der Nähe zu Nichtchristen geprägte Gemeinschaft sein, die Einzelne für Christus gewinnt und in ihm fest macht in der Erwartung, dass so neue Generationen von Christen folgen." Und im internationalen „Calling" der Navigatoren heißt es: „To advance the Gospel of Jesus and His Kingdom into the nations through spiritual generations of laborers living and discipling among the lost."

Ein weiterer englischer Begriff, der sich in den letzten Jahren bei mir eingeprägt hatte, ist intentionality (absichtsvolles Handeln). Ich nehme mir fest vor, das Evangelium an andere weiterzugeben.

 

4) Wie sollen wir anfangen, wir Menschenfischer?

Kennt ihr den Missionsbefehl nach Galater 6,9-10? „Lasst uns aber Gutes tun und nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht nachlassen. Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen."

Es gefällt Gott, wenn wir gut mit unseren Mitchristen umgehen. Es ist auch beruhigend zu merken, dass wir nicht alleine mit dem missionarischen Auftrag stehen, dass wir gemeinsam dasselbe Ziel haben. Das heißt aber auch, dass wir nicht stolz über andere Methoden und Menschen urteilen, sondern die vielen Möglichkeiten anerkennen, die unsere „Genossen des Glaubens" benutzen.

Dabei denke ich an eine alte Frau aus unserem Stadtteil, die ich seit Jahren beobachte. Diese ist fast täglich - inzwischen mit einer Gehhilfe - unterwegs und verteilt christliche Traktate. Früher reagierte ich innerlich sehr negativ darauf. Aber heute ist sie in meinen Augen eine Mitstreiterin, ein Vorbild in Ausdauer und ein wandelndes Sinnbild für die Vielfalt im Leib Christi.

 

5) Wo sollen wir das Netz auswerfen, wir Menschenfischer?

Ich soll dort anfangen, wo ich bin und dort, wo ich hinkomme. Jeder Mensch hat ein einzigartiges Umfeld.

Dabei ist dieses Umfeld von einer starken Dynamik bestimmt. Lebensphasen kommen und gehen, Wohnorte wechseln, Arbeitsstellen auch, Menschen werden hineingeboren, andere sterben, wir selbst werden älter und irgendwann ist auch unsere Zeit zu Ende.

Eine Familie zu haben und zu prägen ist auch Arbeit im Reich Gottes. Wenn ich mein Netz dort auswerfen soll, wo ich morgens aufwache und abends einschlafe, wo soll das anders sein als in meinem Zuhause, in meiner Familie? Selten bekommt man die Möglichkeit, auf so direktem Wege gutes (und auch schlechtes) Vorbild zu sein und sein geistliches Leben mit Menschen zu teilen.

Während wir unsere leiblichen Kinder erziehen, erzieht Gott uns. Für mich persönlich gleicht diese Zeit einer Wüstenwanderung. Ich kam oft an Grenzen, die Dinge waren oft anders, als ich sie mir vorgestellt hatte, und es gab viele Gelegenheiten, Treue in den kleinen und größeren Dingen des Alltags zu üben. Nicht zuletzt habe ich in dieser Zeit das Ausharren im Beten gelernt. Zudem öffneten sich mir über das Leben mit den Kindern Türen zu vielen anderen Menschen.

Schon allein die Zeit unter einem Dach als Familie hat ihren eigenen Segen. Man sitzt Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr dreimal täglich zusammen am Esstisch. Nimmt man sich dafür Zeit, kommt so einiges ans Tageslicht: die Kinder packen aus, vertrauen den Eltern ihre Ängste, Gefühle, Erlebnisse an. Und die vertraute Atmosphäre prägt auch für das spätere Leben.

Wir haben viel Freiheit, wie wir im Reich Gottes arbeiten, aber wir sollen zuhause anfangen. Wenn wir dort das leibliche und geistliche Brot gereicht haben, dann können wir danach nach außen wirken, jeder nach seiner Kapazität. Es ist nicht ungeistlich, so zu denken, im Gegenteil: „Wer ist unter euch Menschen, der seinem Sohn, wenn er ihn bittet um Brot, einen Stein biete?" (Matthäus 7,9).

Wo sollen wir also anfangen? Dort wo wir sind, dort wo wir hinkommen.

 

6) Was dürfen wir erwarten, wir Menschenfischer?

Wir dürfen mit Gottes geheimnisvoller Wirkung rechnen. Wo der Geist Gottes wirkt, werden Menschen gläubig. „Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst - er weiß nicht wie" (Markus 4,26f).

Jeder von uns hinterlässt in einzelnen Beziehungen auch Scherben. Oder gar nichts. Oft verhalte ich mich wie die Sünderin, die ich bin, manchmal leide ich selbst, manchmal leiden andere darunter. Doch es gibt, Gott sei Dank, auch eine Segensspur in meinem Leben. In meinen verschiedenen Lebensphasen sind im Laufe der Jahre Einzelne gläubig geworden. Diese Segensspur ist ein Geschenk Gottes.

Zum Schluss möchte ich noch einmal auf Galater 6,9-10 zurückkommen und den Aspekt „solange wir noch Zeit haben". In unserer Straße lebten zwei Frauen, die beide plötzlich Krebs bekamen. In der Familie der einen konnte ich Nachbarschaftshilfe leisten, und schließlich konnte ich mit der Frau im Johannesevangelium lesen und kurz vor ihrem Tod noch mit ihr beten. Der anderen Frau, die ich von Gesprächen an der Bushaltestelle kannte, schrieb ich eine Weihnachtskarte mit einer Einladung. Als ich sie einwerfen wollte, war die Wohnung leer, das Namensschild weg, die Todesanzeige stand zwei Wochen später in der Zeitung.

Lasst uns säen, lasst uns das Netz auswerfen...solange wir noch Zeit haben.

Hiermit endete Renées Referat. Es hat mich persönlich sehr berührt. Die Offenheit Renées, über ihre Schwächen, aber auch über ihre Stärken zu sprechen, ist für mich ein Beispiel, wie gut es tut, ehrlich anderen und sich selbst gegenüber zu sein. Die Bibelstellen, die Renée mit vielen persönlichen Beispielen lebendig werden ließ, machten mir Mut zu sehen, wie persönlich der Auftrag Gottes zum Menschenfischen mich - jetzt und hier - meint. Der „Missionsbefehl" erschien mir nicht mehr wie ein Idealbild, das ich nie erreichen würde, sondern war greifbar geworden in der schlichten, wenn auch nicht einfachen Aufgabe, den Gekreuzigten anzusehen, mit ihm zu leben und Gelegenheiten wahrzunehmen, von ihm zu erzählen.

 

Renée Jaeschke ist Amerikanerin und lebt seit 30 Jahren in Deutschland. Sie ist verheiratet mit Wolf Christian und hat zwei Kinder: Philipp (22) und Hannah (19).