Haggai ? Ruf nach ganzherzigem Leben.

Katja Schlichtenbrede

Wir hatten uns für das ‚Studenten-Modul-Wochenende' gewünscht, tiefer in die Bibel einzusteigen und diesen heiligen Eifer wieder zu finden, der einen ergreift, wenn man hineingenommen wird in Gottes Heilsgeschichte mit seinen Menschen und plötzlich merkt, wie sehr man selbst gemeint ist. Doch wie kann das gelingen, dieser Einstieg in Gottes ewiges Wort durch alle Historizität ins Hier und Heute meiner Welt?

Ein Weg, den wir an diesem Wochenende am Beispiel des Buches Haggai zusammen gegangen sind, war der Weg des mehrfachen Lesens unter verschiedenen Fragestellungen. Es ist erstaunlich, was man alles in einem Text entdeckt, je nachdem, unter welcher Fragestellung man ihn liest.

Erstes Lesen: Einen Überblick gewinnen

Wir beginnen mit: einfach mal lesen. Worum geht es eigentlich grob?

Das Volk Gottes lebt mal wieder nicht so, wie es Gott gefällt, die Menschen bauen an ihren eigenen Häusern, nicht aber am Haus des Herrn, und der Herr schickt den Propheten Haggai, um die Prioritäten zurechtzurücken.

Zweites Lesen: Situation und Absicht erkennen

Dann lesen wir noch mal: In welcher Absicht wurde das Buch eigentlich geschrieben und in welcher Situation traf es seine Adressaten an? Und während wir unter dieser Frage lesen, sensibilisieren sich unsere Antennen plötzlich auf Haggais wiederholt eindringliche Mahnung „Richtet euer Herz auf eure Wege!", achtet doch darauf, wie ihr lebt! (1, 5+7).

Da ist dies zweierlei Maß in der Dringlichkeit, der Sorgfalt und der Begeisterungsfähigkeit für die eigenen alltäglichen Angelegenheiten und für die Sache Gottes. Und da ist die Stimme Gottes, die zur Erkenntnis dieser verzerrten Realität ruft und zur Reue, aus der der Wille zu verändertem Handeln wächst.

Es geht um Fluch und Segen und immer wieder um den Tempel, seinen Bau, seine Unvollkommenheit und schließlich seine Herrlichkeit.

Drittes Lesen: Den inneren Zusammenhang verstehen

Wir lesen noch einmal: Welche Themen, Ideen und Ereignisse ziehen sich durch und wie hängen sie zusammen? Wir gliedern, strukturieren und versuchen, den inneren Zusammenhang Abschnitt für Abschnitt in Kernaussagen zu greifen.

Schon im ersten Abschnitt (Kap. 1, 1-11) stoßen wir in Gottes Botschaft an die Ältesten von Juda auf einen interessanten Zusammenhang (Vers 9): ,Mein Haus und eure Leben liegen in Trümmern', „weil ein jeder nur eilt für sein Haus zu sorgen".

Das Volk Gottes sieht sich im Herzen erkannt, gehorcht der Stimme des Herrn und handelt: Der Wiederaufbau des Tempels beginnt (1, 12-15).

Schon wird sichtbar, dass der äußere Glanz bei weitem nicht an den Tempel Salomos heranreichen wird, da gibt Gott Haggai seine Sicht auf einen neuen Tempel: die Verheißung einer größerer Herrlichkeit und die Erschütterung der heidnischen Welt (2, 1-9). Doch wie soll das geschehen? - bleibt als Frage in Raum. Nicht durch Menschenhand: selbstsüchtige Menschen können, auch wenn sie einen Tempel errichten, nicht das Haus des Herrn bauen. Doch genau diesen Fluch will Gott in Segen wenden (2,10-19) und gibt dem Statthalter von Juda darauf sein Wort: ‚Ich will Dich erhalten' (2, 20-23).

Exkurs: Den weiteren Zusammenhang erforschen

Spätestens jetzt ist unser Interesse an diesem Tempelprojekt geweckt, und wir fragen uns nach Hintergrund und tieferem Sinn. Während wir beginnen, den weiteren Zusammenhang in den Parallelstellen im Buch Esra (Kap 1-4 und 4, 24 - 6,15) nachzulesen, bewahrheitet sich der Satz: der beste Kommentar zur Bibel ist die Bibel selbst; ein größeres Bild entsteht: Gott war seiner Verheißung einer Erneuerung Jerusalems und des Tempels treu geblieben. Unter dem Perserkönig Kyrus kehren die Judäer aus dem vormals babylonischen Exil nach Jerusalem zurück und beginnen mit dem Wiederaufbau des Tempels. Doch schon bald treten Schwierigkeiten auf und das Projekt kommt zum Erliegen. In diesen Kontext beruft Gott Haggai. Der Prophet ruft nach einer gelebten Antwort auf das Gnadenhandeln Gottes. Der heimgekehrte, inzwischen desillusionierte ‚kleine Rest' von Gottes Volk ringt um geglaubtes und gelebtes Vertrauen. Äußerlich sind sie in das Land ihres Gottes zurückgekehrt, nicht jedoch in ihrem Herzen. Der Aufruf zum Wiederaufbau des Tempels ist nichts weniger als das Raumgeben der Gegenwart Gottes unter seinen Menschen, der Ruf nach „ganzherzigem" Leben zur Ehre Gottes.

Viertes Lesen: Die prophetische Dimension des Textes berücksichtigen

Noch mal lesen. In welcher Form spricht Gott eigentlich hier zu seinem Volk? Von wenigen kommentierenden Versen abgesehen, fällt das Buch Haggai in die Gattung der Prophetie. Das Wesen der Prophetie ist ähnlich einem flachen Stein, den man über das Wasser springen lässt: sie trifft mehrfach auf der historischen Oberfläche auf.

Serubbabel ist nicht nur ein Statthalter von Juda, dem Gott Segen verheißt, weil er gottesfürchtig war. Er ist aus dem Hause und Geschlecht Davids (Mt 1,13). In der Zusage an Serubbabel klingt die Bestätigung von Gottes Verheißung an David mit und sie ist der ermutigende Beweis, dass Gott seinem Wort und seinem Volk treu geblieben ist. Zugleich erneuert Gott damit die Erwartung an den zukünftigen Messias, mit dessen Kommen sich die Bedeutung des Tempels grundsätzlich erfüllen wird.

Doch der Stein trifft ein weiteres Mal auf: Im Hebräerbrief (12, 26-29) lesen wir, dass Haggais Prophetie erst völlig erfüllt sein wird, wenn wir ein „unerschütterliches Reich" empfangen haben. Bis dahin wird Gott die Erde erschüttern, nicht nur physisch, so wie die Erde bebte, als Gott am Sinai mit seinem Gesetz eine neue Ära im Miteinander mit seinem Volk begann. Die Völker werden erschüttert werden, politisch und sozial, und der spätere Zusammenbruch des Perserreiches ist nur eine Facette davon. Die Heiden werden die Größe und Herrlichkeit Gottes sehen und „ was kostbar ist" aus allen Völkern, wie eine alte Übersetzung schreibt, wird kommen zum Haus des Herrn (2, 7).

Letzter Arbeitsschritt: Haggais Botschaft für uns formulieren

Und so streift der Stein auf dem Weg zu seiner endgültigen Erfüllungsebene in der Wiederkunft Jesu und der Errichtung seines ewigen Reiches auch unser Leben:

Wo Gottes Kinder umkehren zu Gott, wird Er sie nicht nur segnen, er wird auch die heidnische Welt erschüttern.

So etwa war die Formel, auf die wir das Buch Haggai in einem letzten Arbeitsschritt für uns brachten. Oder ‚Wir sind Tempel', wie eine der Studentengruppen subsumierte, ein Ruf nach ganzherzigem Leben zur Ehre Gottes, um ‚die Kostbaren' zu gewinnen in einer erschütterten Welt (vgl. die zitierte alte Übersetzung von 2, 7).