Gehen anstatt zu bleiben

Claudia Ackers im Gespr?ch mit Thea und Stephan Huth

Claudia Ackers im Gespräch mit Thea und Stephan Huth über ihren Aufbruch nach Slowenien. Sie hat vor Ort in Vrsno/Slowenien dieses Interview mit Stephan geführt. Thea war aus Aachen zugeschaltet.

Der Bildschirm flimmert ein bisschen. Wenn Thea lacht, sieht das manchmal aus wie in Zeitlupe und ihre Worte kommen dann einen Hauch zeitversetzt bei uns in Vrsno an. Aber sie ist da und füllt den kleinen halb eingerichteten Raum auch aus 1000 Kilometer Distanz spielend mit ihrer Wärme und Leichtigkeit.

In 22 Jahren Ehe waren Stephan und Thea Huth oft voneinander getrennt. Seine schon legendäre Mobilität als Leiter der Studentenarbeit in Deutschland machte Vieles möglich, was ohne die Sicherheit des eingespielten Familienteams in Aachen im Rücken undenkbar gewesen wäre.

Aber jetzt – das ist noch einmal ein ganz neues Kapitel im gemeinsamen Lebenstraum der Familie Huth: Pionierarbeit für die Navigatoren in Slowenien. Wochenlang wird das Internet-Telefon und eine Webcam am Computer in den nächsten Jahren die ausgiebigen Runden am langen Küchentisch in Aachen ersetzen müssen. Drei Wochen Slowenien, eine Woche Aachen, so ungefähr soll sich Stephans Reiserhythmus in der Einstiegsphase in etwa einpendeln.

Staunen und Kopfschütteln haben die Beiden geerntet. Was bewegt ein Ehepaar, sich heraus rufen zu lassen und einen erfüllenden, fruchtbaren Lebensabschnitt durch so einen mühsamen, oft einsamen Aufbruch ausgerechnet nach Slowenien zu beenden?

Seit Mitte Juli, als der Familienurlaub im Sočatal vorbei war, hat die neue Etappe nun offiziell begonnen. Claudia Ackers hatte zwei Wochen später die Gelegenheit, ein paar Fragen zu stellen.

 

Thea, wie kann das sein, dass ihr irgendwann Eurer Sache sicher wart? Was gibt Dir die innere Ruhe, dass dieser Weg, der für keinen von Euch ein Spaziergang ist, von Gott vorbereitet ist?

T.: Ich bin keine besonders mutige Person. Ich habe immer erstmal Bedenken, wenn neue Ereignisse auf mich zukommen. Fragen wie: Kann ich das überhaupt? Bin ich die Richtige dafür? Was könnte da alles schief gehen? Geht das überhaupt und wie soll das denn gehen? ... sind sehr schnell in meinem Kopf. Ich benötige eine lange Anlaufzeit, um mich auf Neues einzulassen. Und genau das weiß Gott und trägt diese Macke mit. Wir machen jetzt seit 1994 in Slowenien Urlaub und mit jedem Jahr habe ich das Land lieber gewonnen. Die wunderschöne, etwas wilde Natur, das leckere Essen und das sehr wohltuende Klima. Aber das wunderbarste sind die Beziehungen, die mit der Zeit entstanden und teilweise zu Freundschaften gewachsen sind. Wenn ich zurückblicke, scheint Gott das "Projekt" Slowenien wirklich auf uns zugeschnitten, vorbereitet zu haben.

Stephan, warum Slowenien? Und warum genau hier in diesem winzigen Bergdorf und nicht in der Hauptstadt Ljubljana? Könnt Ihr uns ein bisschen über Eure Geschichte mit diesem Land und seinen Leuten erzählen?

S.: Wenn ich mich zurück erinnere, hat Gott an zwei Baustellen bei mir gearbeitet. Die eine betrifft Mission generell. Da hat Jesus in den letzten Jahren - teilweise durch die Auseinandersetzung mit dem „Calling" der Navigatoren - meine persönliche Sicht für einen Beitrag in der Welt sehr erweitert. Was eigentlich mit viel Angst besetzt war - raus zu gehen, Sprache und Vertrautes hinter mir zu lassen um anderer Menschen und Gottes willen und das Evangelium in einen fremden Kontext zu bringen - hat einen wachsenden Wert für mich bekommen und wurde immer mehr zu einem Wunsch und einer schönen Herausforderung.
Die zweite Baustelle sind, wie schon Thea sagte, die entstandenen Beziehungen. Worum andere über Jahre hier ringen, schenkte Gott uns fast nebenbei. Zumindest zwei Familien wünschen sich, mehr vom Evangelium zu erfahren, und eine fragte vor einigen Jahren, ob wir herziehen könnten und ihnen mehr von Jesus und dem Glauben erklären könnten.

Aus dem Grund sind wir bzw. ich erst mal auch in Vrsno gelandet. Diese Menschen, besonders mein Freund Mario, können mir helfen, in ihre Kultur hinein zu wachsen und mehr von ihnen zu verstehen. Fast jede Familie in diesem Dorf verlor Angehörige im 2. Weltkrieg durch Deutsche. Von Marios Vater kamen 8 Brüder und sein Vater in Dachau bei München um. Die Möglichkeit, ihnen jetzt als Deutscher das Evangelium näher zu bringen, ist für mich ein Wunder.

Was genau willst Du eigentlich machen, Stephan? Wo fängst Du an und wie sehen jetzt Deine Tage aus?

S.: Ich bin immer noch im Prozess des Ankommens. Richtig dankbar bin ich für den inzwischen funktionierenden Internet- und Telefonanschluss. Im Wohn-/ Arbeitszimmer fehlen noch Schreibtisch und Drucker. Täglich kämpfe ich mit den ungewohnten Aktivitäten eines „Hausmannes" - eine alte Waschmaschine ohne Gebrauchsanleitung, die ersten pink verfärbten T-Shirts, Küche und Einkaufen. Viele bürokratische Fragen sind noch zu klären. Die größte Herausforderung aber bleibt diese komplizierte Sprache. Dabei wird wohl einiges an Zeit und Energie draufgehen. Auch wenn Gott nicht an die Sprachbarrieren gebunden ist, bleibt Slowenischlernen doch mein intensivster Arbeitsbereich.
Mit einer Familie kann ich schon auf Englisch in der Bibel lesen. Mit Sanja, Marios Tochter, und ihren Freunden Erika und Robi kann ich ebenfalls direkt die Bibel aufschlagen. Einige Jüngere in Nova Gorica sind offen für einen Diskussionskreis zu Lebensfragen. Robi ermöglicht den Zugang zu ihnen. Allerdings schneiden Slowenen im Allgemeinen persönliche Themen, die das „Innere" betreffen, kaum an. Eine neue Situation für sie und mich.

Und wie reagieren die Leute hier? Haben sich die Beziehungen verändert? Spürst Du markante kulturelle Unterschiede?

S.: Mit Sicherheit werden sich die Beziehungen verändern. Die Leute kennen mich als Urlauber bzw. als Leiter von deutschen Studentengruppen. Ich selbst kann wenig dazu sagen, „wer ich hier sein werde". Für mich ist es ja auch eine ganz neue Situation. Manche sehen mich als Pastor einer neuen Kirche - was ich bestimmt nicht sein will. Aber es gibt hier kein anderes Bild für das Anliegen, ihnen Glauben und Jesus näher zu bringen. Ich brauche da viel Verständnis und Weisheit von „oben". Jetzt sind erst mal viele überrascht und begeistert von unserem Schritt nach Slowenien. Aber wie der Alltag aussehen wird, muss sich noch entwickeln. Kulturelle Unterschiede spüre ich schon einige. Sorgen bereiten mir mehr die Dinge, die ich noch nicht sehe. Aber Mario, Metka und deren Kinder werden mir schon helfen, dass der Elefant im Porzellanladen nicht zu groß wird. Diese Familie steht mir herzlich zur Seite.

Ist das Ganze eigentlich eher Stephans Abenteuer oder total Euer gemeinsames Ding? Inwiefern fühlst Du dich beteiligt, Thea?

T.: Stephan ist natürlich der Abenteurer in unserer Familie und ich eher die Bremse. Aber prinzipiell ist Slowenien schon unser gemeinsames Ding. Bis die Kinder alle auf eigenen Füßen stehen, werde ich ihn von Aachen aus unterstützen - so wie wir das bisher auch gehandhabt haben. Aber ich merke schon einen Unterschied. Gedanklich setze ich mich mehr mit einem möglichen Leben in Slowenien auseinander. Fragen wie: Wie kann mein Alltag aussehen? Welchen Job könnte ich dort annehmen? Und vor allem immer wieder: Wie lerne ich diese verflixte Sprache möglichst schnell? ... bewegen mich.

Und Johanna, Nora und Lisa, eure drei Töchter, fiebern die mit oder betrachten sie dieses Unternehmen eher aus Distanz?

T.: Unsere Töchter lieben das Land sehr. Nachdem wir letztes Jahr nicht in Slowenien waren, wollten alle dieses Jahr auf jeden Fall hin.
Unser Unternehmen, ganz dorthin zu gehen, betrachten sie aber eher mit Distanz oder Besorgnis. Sie sehen ihr Zuhause gefährdet und brauchen die Sicherheit, hier in Aachen noch "groß" werden zu dürfen. Slowenien ist für sie mehr ein vertrautes Urlaubsgebiet

Seht Ihr denn langfristig eure Zukunft hier oder soll das nur eine überschaubare Phase sein?

S.: Jakobus 4,13-15 sagt was über den Wert von Zukunftsplänen aus: Wir nehmen uns Dinge vor, aber Gott entscheidet. Paulus zum Beispiel hat das ja oft erlebt, dass Gott ihn anders führte, als er es vielleicht wollte. Wir glauben, dass der Schritt nach Slowenien jetzt richtig und von ihm vorbereitet ist und dass wir daraus eine Menge lernen werden. Aber über die Dauer und Langfristigkeit können wir nichts sagen. Natürlich wollen wir hier nicht ständig aus Koffern leben - wie auf dem Absprung. Dann werden wir wohl nie richtig ankommen. In dem Sinne planen wir schon erstmal für 5 Jahre, bis Thea frei ist nachzukommen. Wir lernen zusammen die Sprache und wollen uns gemütlich hier einrichten. Aber ich fühle mich innerlich frei, dass Gott uns durchaus noch in ein anderes Abenteuer führen kann.

Stephan, 20 Jahre in der deutschen Studentenarbeit haben bei Dir und bei Vielen, die mit Dir zu tun hatten, tiefe Prägung hinterlassen. Was ist das Wertvollste, das Du aus dieser Zeit mit in die neue Herausforderung nimmst? Und was war am schwersten loszulassen?

S.: Das Schönste aus diesen Jahren ist mit Sicherheit die Erfahrung, dass Jesus mich aus- und festhält und mit mir weitergeht - Seine Ausdauer, Liebe und Treue zu uns. Natürlich bin ich über jeden kleinen Beitrag im Leben anderer sehr dankbar. Es entsteht immer Freude, wenn Gott uns zum Guten im Leben anderer benutzt, wenn er uns sogar teilhaben lässt an ihrer Rettung. Es gibt keine größere Freude im Himmel - und auch für uns sind das besondere, einmalige Momente.
Paulus war tief bewegt von dem, was Gott im Leben des Timotheus tat - dass dieser ihm im Ringen um Menschen und dem Evangelium so hingebungsvoll folgte. Das gleiche empfinde ich auch in der Studentenarbeit. Wenn Gott im anderen den gleichen Funken anzündet, den er in einem selbst gezündet hat, das ist etwas Tolles.
Als schwer loszulassen empfinde ich bisher nichts - zumindest was die deutsche Studentenarbeit betrifft. Es ist der richtige und ein guter Zeitpunkt. Es ist ein tolles Team da und wir haben gemeinsam einen schönen Weg zurückgelegt. Die Zeit ist reif, nicht nur für mich. Das ist ein schöner Moment.

Welche Unterstützung wünscht Ihr Euch?

S.&T.: Wir spüren in diesen Wochen einmal mehr, vielleicht deutlicher denn je, wie sehr uns Gebete tragen und was es uns bedeutet, dass wir Weggefährten haben, die an uns denken und für uns einstehen. Besonders für uns als Familie in diesem großen Umbruch. Trotz Videotelefonie über das Internet vermissen wir uns sehr und es ist einfach viel schwieriger, eine gute Kommunikation aufrecht zu erhalten und die gemeinsamen Zeiten wirklich zu nutzen.

Für die Gebetsnotizen in dieser Ausgabe von „bzw." haben wir einiges von dem, worum wir jetzt ringen, in Worte gefasst. Wir sind froh um so ein Netz von Betern und Leuten, die an uns interessiert sind.