Der Begriff, der den Philipperbrief auf den Punkt bringt, ist nach Ansicht mancher Kommentatoren der Ausdruck „Gemeinschaft am Evangelium" in Kapitel 1, Vers 5. Hiermit ist beides, die Teilhabe am Evangelium und der Einsatz für das Evangelium gemeint. (Einheitsübersetzung: „dass ihr euch gemeinsam für das Evangelium eingesetzt habt".) Martin Luther fasste die Kerngedanken von Philipper 1,3-11 so zusammen:
„Also steht aber ein christlich Herz, und dies ist seine Farbe und Gestalt, wie St. Pauli Worte lauten, dass er von [Herzens-]Grund fröhlich und lustig darüber ist und Gott dankt dafür, dass auch andere Leute zu der Gemeinschaft des Evangelii kommen, und hat eine gute Zuversicht gegen die, so da angefangen [haben] zu glauben, nimmt sich ihres Heils an, freut sich des ja so hoch als seines eigenen [Heils] und kann Gott nicht genug dafür voll danken; und ohn Unterlass bittet, dass er möge erleben und sehen viel Leute mit ihm zu solcher Gemeinschaft kommen und dabei erhalten werden bis an den Tag Jesu Christi."
Diese empfangende und weitergebende „Gemeinschaft am Evangelium", ein Kennzeichen der Philipper trotz mancher Schwächen und Unzulänglichkeiten, ist uns als Ziel vor Augen gestellt. Jeder von uns hat noch andere Ziele, persönlich, familiär, beruflich usw. Aber dieses eine Ziel haben wir als Christen gemeinsam, und alle anderen Ziele sind von diesem nicht zu trennen und hängen daran.
Ziele ziehen Prioritäten nach sich. Zum Ziel „Gemeinschaft am Evangelium" sollen nun ohne Anspruch auf Vollständigkeit drei Punkte hervorgehoben werden, die wir uns in der Navigatorenarbeit wünschen und um die wir immer neu ringen müssen, damit sie Prioritäten bleiben.
Als Priorität wird dies nirgends klarer formuliert als in der Geschichte von Maria und Martha. „Martha aber machte sich viel zu schaffen, ihm [Jesus] zu dienen." Er sagte ihr dann: „Martha, Martha, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden" (Lukas 10,41.42). Was war dieses gute Teil, das Maria erwählt hatte? Sie „setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu" (Lukas 10,39). Anders als Martha beherzigte sie Psalm 123,2: „Siehe, wie die Augen der Knechte auf die Hände ihrer Herren sehen, wie die Augen der Magd auf die Hände ihrer Frau, so sehen unsere Augen auf den Herrn, unsern Gott, bis er uns gnädig werde."
Maria hing an den Lippen Jesu und wuchs damit in der Erkenntnis seiner Gnade. Die immer wieder neu empfangende „Gemeinschaft am Evangelium" ist Voraussetzung für die weitergebende „Gemeinschaft am Evangelium". Von manchen Freunden habe ich gehört, dass sie eine zunehmende Sterilität ihres geistlichen Lebens beklagen. Oft fehlt der Rahmen in Form von guten Predigten, einem tragenden Hauskreis, christlicher Gemeinschaft. Umso mehr ist man dann auf die eigenen geistlichen Ressourcen angewiesen. Aber die Aufforderung: „Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen" (Kolosser 3,16), ist eigentlich nur im Plural zu verwirklichen. Daher müssen wir uns gegenseitig beschwören: „Ringe um dein geistliches Leben"; und das heißt auch: „Ringe um Gemeinschaft." Nicht um irgendeine Gemeinschaft, sondern um Gemeinschaft am Evangelium.
Wenn die Quellen des geistlichen Lebens versanden und versiegen, dann tritt zur geistlichen Sterilität die missionarische Sterilität hinzu. Das bringt uns zum nächsten Punkt.
Jesus verbrachte viel Zeit mit Fernstehenden. Er galt als „Freund der Zöllner und Sünder" (Matthäus 11,19). Er nahm sich Zeit für die Frau am Brunnen (Johannes 4), die ihm mit ihrem freizügigen Leben ebenso fern stand wie zuvor der tief religiöse Nikodemus, mit dem er ein abendliches Gespräch unter vier Augen führte (Johannes 3). Und ebenso fern stand ihm der wohlhabende junge Mann, der so moralisch und zugleich so selbstgerecht war; Jesus „gewann ihn lieb" (Markus 10,21) und musste ihn doch davongehen sehen.
Im Gleichnis vom verlorenen Schaf formulierte Jesus das Prinzip, dass das verlorene Schaf Priorität hat vor denen, die sicher im Stall sind (Lukas 15,4). Wenn allerdings die Schafe im Stall gefährdet sind, kann es auch schon einmal anders aussehen. Als sich die Situation in Korinth zuspitzte, war Paulus so in Sorge, dass er in Troas eine „offene Tür" für das Evangelium nicht nutzte. Stattdessen reiste er Titus aus Kleinasien nach Mazedonien entgegen, um möglichst schnell Nachrichten aus der gefährdeten Gemeinde zu erhalten (2. Korinther 2,12.13 i.V.m. 7,5-7).
Vor kurzem hatten wir so ein Dilemma mit einer im wahrsten Sinne des Wortes „offenen Tür". Bekannte, mit denen wir uns allzu selten sehen, wurden zum ersten Mal seit Jahren initiativ und luden uns in ihr Wochenendhaus ein, das kurz vor dem Verkauf steht. Aber wir fanden einfach kein Wochenende, vor allem weil ich ständig beruflich unterwegs war. Eine verpasste Gelegenheit, die uns sehr Leid tat.
Wie viel leichter ist es, sich gegenseitig im Glauben zu ermutigen, statt Fernstehenden diesen Glauben erstmals nahe zu bringen. Es gibt im Reich Gottes „zehntausend Erzieher", aber „nicht viele Väter" (1. Korinther 4,15). Beides haben wir bitter nötig; aber die größere Mangelware sind die Väter, nicht die Erzieher.
Welche Menschen liegen mir auf dem Herzen, von denen ich mir sehnlich wünsche, dass sie zum Glauben kommen - und wenn ich so lange warten müsste, wie Abraham und Sara auf ihren Isaak!? Und wie baue ich am besten Brücken zu ihnen?
Das Stichwort „Isaak" führt wiederum zum nächsten Punkt:
Bei den Navigatoren wird der Gedanke betont, dass sich das Reich Gottes in Generationen ausbreitet. Abraham bekam in jener eindrücklichen Nachtszene, die sich in Kinderbibeln so schön illustrieren lässt, die Verheißung, dass seine Nachkommen so zahlreich sein sollten wie die Sterne am Himmel (1. Mose 15,5). Diese Verheißung gilt nicht nur für biologische, sondern auch für geistliche Nachkommen Abrahams (Römer 4,11; Galater 3,29). Wir Christen „aus den Heiden" sind also in diese Verheißung eingefügt und werden so Glieder derselben Kette und Äste und Zweige am selben Stamm (Römer 11,17.18).
Das Neue Testament sieht die Adressaten des Evangeliums nie als Endabnehmer. Das Evangelium schafft sich seine Multiplikatoren. In einem ganz anderen Kontext schrieb der Komponist Robert Schumann einmal: „Ein rechter Meister zieht keine Schüler, sondern eben wiederum Meister" (im Reclamheft Schriften über Musik und Musiker, S.8). Es geht nicht darum, dass ein Meister viele Epigonen findet; sondern darum, dass eine musikalische Persönlichkeit andere so prägt, dass sie ihrerseits musikalische Persönlichkeiten werden, die wiederum andere prägen. Dasselbe, was unter Musikern für musikalische Persönlichkeiten gilt, gilt im Reich Gottes für geistliche Persönlichkeiten.
Die praktische Anwendung des Blicks für Generationen ist, dass man Zeit mit Christen verbringt, die noch nicht so lange dabei sind, dass man sich ihnen einzeln widmet und sie voller Liebe und Fürsorge begleitet. Frage an jeden von uns: Hat mich jemand in dieser Weise begleitet? Und könnte ich mich meinerseits um jemanden kümmern?
Übrigens: Biologische Nachkommen sind die allerersten Kandidaten dafür, auch geistliche Nachkommen zu werden. Das sei als Ermutigung für gestresste Mütter (und Väter) hinzugefügt, die sich in ihrer häuslichen Enge eingesperrt fühlen und schon mal den Blick dafür verlieren, dass sich direkt vor ihren Augen das Reich Gottes ausbreitet!
Die besagte Szene im Leben des Abraham sollte man sich gelegentlich neu vergegenwärtigen, indem man an klaren Abenden hinausgeht und zum Nachthimmel hochblickt. Man sieht so wenige Sterne, und doch behaupten die Astronomen, es seien unendlich viele. Genauso ist es mit der Verheißung: Man sieht so wenige geistliche Nachkommen, aber Gott behauptet felsenfest, es seien unzählige. Auch hierbei leben wir „im Glauben und nicht im Schauen" (2. Korinther 5,7). Aber wir wissen wie Abraham „aufs allergewisseste: was Gott verheißt, das kann er auch tun" (Römer 4,21 im Blick auf die Isaaksverheißung).