Esther Waruiru ist Kenianerin und gehört dem internationalen Leitungsteam der Navigatoren an. Im November 2006 war sie in der deutschen Navigatorenarbeit zu Gast. An zwei aufeinander folgenden Wochenenden hielt sie Referate: zuerst auf der Herbstkonferenz zum Thema Our Walk and our Work (Unser Wandel – unser Wirken); dann auf dem N-Day der Studentenarbeiten zum Thema Transforming Power (Umwandelnde Kraft).
Übersetzt wurde sie von Katja Schlichtenbrede und Veronica Froelich. Wir haben Katja gebeten, ihre Eindrücke zusammenzufassen und geben diese hier wieder. Es sind die Eindrücke einer Übersetzerin, die sich ganz auf das Übersetzen konzentrieren musste, zur Vorbereitung gab es zusätzlich einige Gespräche. Aber gerade in dieser Rolle schlüpft man in gewisser Weise in die Haut der Referentin und spürt ihren Gedanken nach.
Sie würde wohl nicht wollen, dass man allzu viel über sie schreibt. Sie würde eher wollen, dass man über den schreibt, der sie geformt und verändert und ihrem Leben etwas von seiner Gestalt gegeben hat. Esther Waruiru zieht tiefe Ermutigung aus der gelebten Gemeinschaft mit Christus, wie sie im zweiten Kapitel des Philipperbriefs beschrieben ist, dem Kapitel, über das sie bei der Herbstkonferenz der Navigatoren sprach. Und sie ist nach Deutschland gekommen, um uns neu zu vergegenwärtigen, was es für unser Leben und unsere Arbeit bedeutet, dass Christus in uns lebendig ist.
Gott war schon immer da gewesen in ihrem Weltbild, von Haus aus. Dass sie mit acht Jahren Christus ihr Leben anvertraute, lässt etwas von dem Segen ahnen, den es bedeutet, in einem geistlich lebendigen Umfeld aufzuwachsen.
Als sie Anfang der 1960iger Jahre in ihrem Heimatland Kenia am ersten Tage ihres Studium auf ein amerikanisches Ehepaar der Navigatoren stieß, begann eine Zeit der Neuausrichtung und der tiefen inneren Reibung. Und wie so oft, wenn scheinbar Unvereinbares aufeinanderprallt, liegt eigentlich Gottes Ruf nach einer tiefen Hingabe an seine Generalvollmacht zugrunde.
Auf einer internationalen Konferenz erlebte sie dann, wie die Vision der Navigatoren, praktisch gelebt, Spuren im Leben Einzelner hinterlassen hatte und wie aus diesen Einzelnen Nationen-übergreifend Generationen erwachsen waren.
Nach ihrem Erlebnis auf der Konferenz ordnete sie ihren von der kenianischen Unabhängigkeitsbewegung gegen alles Kolonialherrliche geprägten Nationalstolz Gottes Vielvölkerreich unter und schloss sich verbindlich dem damals noch unter amerikanischer Leitung stehenden Team an.
An Weggabelungen spürte sie wiederholt den Sog von Gottes alles veränderndem Wort, der ihrem Leben Richtung gab. „Ich will dein Geschlecht segnen und mehren wie die Sterne am Himmel und wie den Sand am Ufer des Meeres. Und deine Nachkommen sollen die Tore ihrer Feinde besitzen" (1. Mose 22,17). Diese Verheißung von geistlichen Kindern und Kindeskindern, die so bewusst und zielsetzend von den Navigatoren aufgegriffen wird, wurde zur ersten Weichenstellung für ihren Dienst. Auf meine Frage „Wie erlebst du, dass Gott führt?" sagte sie: „Du musst es einfach nur tun: Zeit verbringen in Gottes Wort, und Er wird durch das, was du liest, auch in deine Situation sprechen oder dir einzelne Verse tief ins Bewusstsein einprägen."
Doch am meisten hat es sie wohl geprägt, Gottes Liebe in leidvollen Situationen tief, nah und existentiell tragend zu erleben. Der schnell aufeinander folgende Tod beider Eltern sowie der tragische Verlust zweier Geschwister hatte sie erschüttert und in ihrer Seele den Schrei hinterlassen: „Mein Gott, wie kannst du mich lieben?" Und indem sie ihre Leere Gott hinhielt, erlebte sie eine Reise „deeper and deeper into the ocean of God's love" (tiefer und tiefer in den Ozean der Liebe Gottes hinein). Am Anfang, auf dem Weg und am Ende dieser Reise stand Christus, der ihr seine tiefe Liebe - lange vor ihrem Schrei - schon am Kreuz bewiesen hat (Römer 5,8); nah und mächtig, der einzige Fels und Tröster. Als sie bei der Trauerfeier für ihre Schwester aus tiefer Überzeugung in den Refrain des bekannten Chorals „It is well, it is well with my soul!" (Es steht wieder gut um meine Seele, denn sie ist heil geworden) einstimmen konnte, wusste sie, dass ihr Leben ganz und gar in seiner Liebe geborgen war.
Diese Unmittelbarkeit der Christusbeziehung als Quelle für alles weitere Tun (und dabei trennt sie nicht zwischen weltlichen und geistlichen Aufgaben, da in Christus alles Leben immer auch geistlich ist) war ihr zentrales Thema auf der diesjährigen Herbstkonferenz.
Unser Wandel - unser Wirken: Um nach außen wirken zu können, müssen wir uns erst vom Heiligen Geist nach innen führen lassen in die Erkenntnis und Annahme unserer eigenen menschlichen Zerbrochenheit. Wir müssen uns immer wieder neu bedürftig ausstrecken nach dem befreienden Kreuz, um „in Christus" - in der Gemeinschaft mit dem, dessen Name über allen Namen ist, dem Herrn, dem Kyrios Iesous Christos - unsere Identität und den Mittelpunkt unserer Existenz zu finden.
Das Geheimnis geistlicher Lebendigkeit liegt hierbei darin, selber nichts zu tun, sondern das, was Jesus getan hat, immer wieder neu zu hören, zu bedenken und zu bedanken. In diesem Prozess des Annehmens von Trost, Vergebung, Sinn und Auftrag wird statisch geglaubte Wahrheit zu dynamisch ge- und erlebter Beziehung.
Dabei hat Esther in ihrer afrikanisch-charismatischen Persönlichkeit erfrischend wenig Hemmung, uns des konkreten Beistands des Heiligen Geistes zu versichern. Die personale Präsenz des Geistes macht die Gemeinschaft mit Christus in seinem Wort für uns erlebbar. Sie wird zu unserer Erlebenswirklichkeit.
Erst aus dieser tiefen inneren Gemeinschaft heraus strömt „transformig power" (umwandelnde Kraft) - so das Thema des studentischen N-Days am Wochenende nach der Herbstkonferenz - nach außen in die Ebenen unseres alltäglichen Lebens. Solange Gottes Liebe ein abstraktes Konzept bleibt, solange wir nicht „Geliebte" werden und die verlorene Welt aus der Perspektive der Gemeinschaft mit Christus heraus sehen, wird sich das Evangelium nicht durch uns ausbreiten. Etwas in uns muss im Sinne von Johannes 12,24 ersterben, damit Christus durch uns Frucht bringt. Wir können Gottes Arbeit nicht tun, aber wir können uns ihm öffnen und erleben, dass er sie durch uns tut
„Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende." (Matthäus 9,37). Diese Aussage Jesu über Galiläa an die Adresse der Jünger formuliert Esther für unsere Situation aus: Die Ernte in Deutschland ist groß! Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er uns zu solchen Arbeitern mache, die mit Jesu Einfühlungsvermögen tiefer blicken, die hinter dem sorgfältig konstruierten Alltag im Umfeld unserer Familien, Freunde und Arbeitskollegen die geistliche Not sehen und einen Durchbruch erbeten.
Transformig power: erst was wir immer wieder neu tief empfangen und was unser Leben verändert, verströmen wir auch. Diese Botschaft hat Esther uns in diesen Novembertagen vorgelebt. Am Ende gab sie uns zusammenfassend eine Ermutigung und eine Herausforderung mit auf den Weg: „Die Ernte ist groß ... Seid darum Mitarbeiter Gottes, die ein umgewandeltes Leben führen wie leuchtende Sterne mitten unter einem verdorbenen und verkehrten Geschlecht" (nach Matthäus 9,37 und Philipper 2,15)