In den 23 Jahren, in denen meine Frau Fran (Frances) und ich in der Studentenarbeit tätig sind, war das Johannesevangelium immer das wichtigste Medium, mit dem wir versucht haben, interessierten, suchenden Studenten Jesus nahe zu bringen. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als das Johannesevangelium Kapitel für Kapitel durchzugehen und dabei zu beobachten, wie der Heilige Geist das Wort Gottes benutzt,
um die Augen von Menschen für das Licht Christi zu öffnen - Augen, die von Geburt an blind waren (geistlich blind natürlich). Bei manchen jedoch kann das Licht Christi, so hell es auch ist, die Linsentrübungen nicht durchdringen, mit denen bei ihnen die „Augen des Herzens" (Epheser 1,18) behaftet sind. Solche Menschen begegnen Jesus - und gehen dann einfach weiter, so blind wie vorher. Das ist tragisch.
Blindheit ist eines der Themen des Johannesevangeliums. Es wird auf dramatische Weise in Kapitel 9 illustriert. Dieses erzählt die wunderbare Geschichte von dem Mann, der von Geburt an körperlich (und geistlich) blind war und den Jesus heilt. Indem Johannes diese Geschichte erzählt, macht er uns zu Zeugen des seltsamen Phänomens, dass Menschen blind für die Wahrheit sein können und zugleich vollkommen überzeugt, dass sie mit Gott im Reinen sind. Ihr Festhalten an einer bestimmten Sicht der Dinge, an einer bestimmten dogmatischen Einstellung, lässt das Licht nicht zur Wirkung kommen.
Zunächst einmal die Geschichte in aller Kürze: Jesus war zum Laubhüttenfest nach Jerusalem gekommen, wie in Kapitel 7 und 8 beschrieben. Zu dem Fest gehörten bestimmte Riten wie das tägliche Vergießen von Wasser (ein Bild dafür, dass Gott Regen und geistliche Erfrischung schenkt) sowie in der ersten Nacht das Anzünden von vier großen Lampen im Frauenhof des Tempels. An diese Riten knüpfte Jesus an, als er öffentlich sagte: „Ich bin das Licht der Welt" (8,12), und: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!" (7,37). Der ungeheure Anspruch, den er damit erhob, wurde natürlich von den religiösen Führern der Zeit zurückgewiesen. Am Anfang sollte er verhaftet (7,32) und am Ende gesteinigt werden (8,59). Aber seine Zeit war noch nicht gekommen und er entkam.
In dieser Phase, als sich ganz Jerusalem wegen Jesus in Aufruhr befand, als die geistlichen Führer fieberhaft überlegten, wie sie ihn aus dem Verkehr ziehen konnten, und das Volk sich über seine Identität und die von ihm gepredigte Lehre unschlüssig war, stellt uns Jesus einen Mann mit einer ganz anderen Haltung und Wahrnehmung vor.
Bis zu der Begegnung mit Jesus war er durch das fehlende Augenlicht körperlich gehandikapt gewesen. Seine Blindheit hatte aber weder sein Herz verhärtet noch seinen gesunden Menschenverstand beeinträchtigt. Seine freimütigen und einsichtsvollen Antworten auf die Fragen, die ihm gestellt werden, und seine couragierte Haltung gegenüber einer als Mitgefühl getarnten Selbstgerechtigkeit machen einem den Mann sympathisch und bringen einen sogar zum Schmunzeln. Sein Urteilsvermögen ist nicht durch ein überhöhtes Selbstbewusstsein getrübt. Auch wenn er nicht viel über Jesus weiß, der ihn von seiner Blindheit geheilt hat, weiß er doch eins: was an ihm geschehen ist, kann nur Gott getan haben. Den Argumenten der religiösen Führer, die darauf abzielen, bei ihm Zweifel an Jesus zu erzeugen, begegnet er mit schlagfertigen Antworten, die ihre geheuchelte Objektivität ins Mark treffen. Ich mag diesen Typen. Wenn ich im Himmel bin, möchte ich ihn treffen und ihm die Hand schütteln.
Eine klare Sicht der Dinge wird jedoch nicht immer geschätzt. Die Bindung dieses vormals Blinden an die einmal erkannte Wahrheit führt dazu, dass er aus der Synagoge ausgestoßen wird (Verse 22 und 34). Jesus geht ihm nach, findet ihn und spricht ihn an. Diesmal lässt er ihn (geistlich) noch schärfer sehen. Bis zu diesem Punkt hielt der Mann Jesus für einen Propheten (Vers 17). Nun gibt sich Jesus ihm gegenüber als „Sohn des Menschen" zu erkennen. Dies war seine bevorzugte Selbstbezeichnung (13mal im Johannesevangelium). Sie hat ihre Wurzeln im Alten Testament, in der Vision von Daniel (Daniel 7,13-14), in der „einer ... wie eines Menschen Sohn" von einem, „der uralt war", Macht über ein ewiges Reich bekommt, wo „ihm alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen dienen sollten". Der Geheilte glaubt Jesus und betet ihn an. Den Pharisäern, die das alles beobachten, sagt Jesus, dass ihre geistliche Anmaßung (ihr Anspruch, sehen zu können) sie daran hindert, von ihrer Schuld frei zu werden.
Als Australier mit unseren Vorbehalten gegen „die da oben" spricht uns diese Begebenheit an. Der „Kämpfer" gegen „das System" ist uns immer sympathisch. Wir reden gerne von Leuten, die sich für Pappeln halten und auf ihr rechtes Maß zurückgestutzt werden müssen; von überheblichen Leuten, die am Ende das bekommen, was sie verdienen.
Aber wenn ich an mich selber denke, kann die geschilderte Begebenheit auch mich ganz schön verunsichern. Wie blind bin ich selbst? In welchen Bereichen erlaube ich meinem Stolz oder seinen engen Verwandten, Eifersucht und Habgier, mein Sehvermögen zu beeinträchtigen? Wie kann ich sicherstellen, dass meine Augen klar bleiben für Gottes Wort und für sein Wirken in meinem Leben? Welche Schritte kann ich unternehmen, damit ich mit zunehmendem Alter nicht festgefahren und stur werde, sondern offen und lernbereit bleibe?
Das sollten wir von dem blinden Mann lernen: Wenn Jesus uns die Möglichkeit gibt, klarer zu sehen und unser Leben zu verändern, wollen wir diese Möglichkeit ergreifen. Wir wollen mit der Demut dieses Mannes reagieren, von dem es heißt: „Er aber sprach: Herr, ich glaube, und betete ihn an" (Johannes 9,38).
Mike Johnson ist Leiter der australischen Navigatoren. Seit 2005 koordiniert er auch die Navigatorenarbeiten der Pazifik-Region (Australien, Neuseeland, Fidschi, Tonga sowie einige Neuanfänge). Er ist verheiratet mit Fran (Frances). Die beiden haben vier erwachsene Kinder und leben in Canberra.