Gottes Treue feiern! - Eindrücke von einem Fest der Generationen

Claudia Ackers

Der Abend neigt sich schon dem Ende zu. Noch immer summt die Luft von den unablässigen Gesprächen in der Bochumer Aula. Ich überlege gerade, ob ich mir doch noch zur Feier des Tages ein Navigatoren-T-Shirt kaufen soll, da dreht sich jemand zu mir um: „Hallo, darf ich mich vorstellen? Ich bin dein Ur-Ur-Ur-Urgroßvater aus Bonn." Der Mann ist keine sechzig, denke ich. Was will er mir sagen? Er heiße Werner Wagemann, fügt er hinzu, und: „Ich gehörte damals zum allerersten Nav-Team von Paul Wyckoff." Jetzt fällt der Groschen. Das muss Anfang der 1970er gewesen sein, also rund fünf Studentengenerationen bevor ich zum Studium in Bonn auftauchte und dort irgendwann auch den Navigatoren begegnete. Werner zieht ein paar Fotos aus der Tasche und während wir erzählen wird mir klar, wie anders mein Leben wohl jetzt aussähe, hätte es nicht Menschen wie ihn gegeben, die an ihrem Glauben festhielten, Wege bahnten und den Staffelstab weiter gaben.

Zu einer „persönlichen Arbeit von Mensch zu Mensch" sollten die Navi­ga­toren in Deutschland werden, so dokumentiert es die Chronik in der Festschrift schon für 1966. Dass diese Vision in den darauffolgenden Jahrzehnten greifbare Wirklichkeit wurde, dafür war die Feier­stunde zum 50. Geburtstag ein eindrucksvoll lebendiger Beweis.

Festredner, Grußwortschreiber, Chronist oder mein Gegenüber beim Abendessen - da war keiner, der oder die an diesem Tag zu Wort kam und nicht von persönlicher Prägung durch Einzelne sprach. Selbst der Festsaal spiegelte ein Lebenskapitel Navi-Geschichte wider. Ein Stück Dankbarkeit wolle er heute zurückgeben, so begrüßte der Schulleiter und Mitgründer der Matthias-Claudius-Gesamtschule Volkhard Trust die rund 300 Gäste und nannte vor allem zwei Dinge, die er bei den Navigatoren gelernt habe: Verheißungsorientiert leben und Treue zu Gottes Wort und zu seiner Berufung. „Ohne die Navigatoren wäre ich heute ein anderer und diese Schule gäbe es vielleicht gar nicht." 

Wer die Festschrift zum Jubiläum in die Hand nimmt, ahnt: Wochenlange Archiv­arbeit muss dem vorausgegangen sein, was Missionsleiter Wolf Christian Jaeschke dann als „Schweinsgalopp durch die Geschichte" ankündigte. Die schriftliche Zeittafel liefert die Details alle nach, der Vortrag dagegen bot mehr als fünfzig Jahre in Schlaglichtern. Das erste Bild dazu zeigte eine Handvoll amerikanischer Marinesoldaten irgendwann in den 30er Jahren, das letzte den Visionär der Schü­lerarbeit Christoph Meul irgendwann diesen Sommer. Dazwischen Men­schen vor VW-Käfer im Wirtschaftswunder-Deutschland, Menschen auf Konfe­renzen und Berg­gipfeln, Menschen vor DDR-Tapete, Menschen im Zwiegespräch und immer wieder Porträts von Einzelnen, die dieser Bewegung ihre Akzente gaben. Gordy und Margie Strom und das deutsche „Ur-Team", Paul Stanley und sein „Deutsches Leitungsteam (DLT)", Horst und Annemarie Günzel, die ersten deutschen Hauptamlichen, Thomas Staacke und Cees de Jonge bei konspirativen Treffen in Sachsen, Berufstätigen- und Studententeams der Gegenwart.

Verknüpft wurden die Epochen jeweils durch eine gemeinsam gesungene Liedstrophe aus jeder „Liederbuch-Ära". Im­mer wieder bat Wolf Christian Einzelne, kurz aufzustehen, Details beizusteuern. Vor allem die Begegnungen, die zur Gründung und Entfaltung der ,Timotheusarbeit‘ in der DDR führten, ließ er von Marianne und Harald Krille noch einmal ganz genau beschreiben. Später am Nachmittag stehen die beiden noch einmal auf der Bühne. Neben ihnen zwei weitere Ehepaare der ersten deutschen Nav-Generation: Ingrid und Jürgen Koch, die vor wenigen Monaten erst aus Tansania zurückkehrten, sowie Karin und Rolf Brune, die Schwabenpioniere, die vor Jahrzehnten um des Evangeliums willen nach Stuttgart gingen und bis heute, mittlerweile in der Generation „55plus", ihrer Berufung treu geblieben sind. Drei Lebensentwürfe, die unterschiedlicher kaum sein könnten, stellvertretend für ungezählte im Saal, überall in Deutschland und in der ganzen Welt verstreut. Doch so verschieden die Stoffe, aus denen ihr Leben gewebt ist, auch sind, derselbe rote Faden blitzt immer wieder auf: Beziehungen; Einzelne, die sich Zeit nahmen für Einzelne. „Da waren Leute in unserem Leben, die in besonderer Weise an uns und unserer Entwicklung interessiert waren", so formuliert es Ingrid Koch. Und Marianne Krille ergänzt: „Am allermeisten geprägt wurden wir durch 2.Timotheus 2,2 - immer wieder nach solchen Menschen zu suchen, die treu sind und weitergeben können und wollen." 

Dieser gemeinsame Schatz, den Gott den Navigatoren durch die Generationen hindurch anvertraut hat, drang in dieser Feierstimmung vielen wieder ganz neu ins Bewusstein. Spontan scharten sich in der Kaffepause ein paar junge Kölner zum Familienbild um Gudrun und Helmut Löhr, die Gründungs-„Eltern" der Navigatoren in der Domstadt. Navi-Schüler sorgten rührend dafür, dass das Fest auch für fast 30 Navi-Kinder eine glückliche Erinnerung wurde. Und auch der Aufruf, mit einer Spende für das Traineeprogramm in die Zukunft der gemeinsamen Vision zu investieren, hatte in dieser Familienfeieratmoshäre etwas völlig Selbstverständliches. 

Viele der geistlichen Mütter und Väter, vor allem die amerikanischen Weg­ge­fähr­ten von damals, fehlten leider an diesem Nachmittag. Zu kurzfristig war der 50. Geburtstag überhaupt ins Blickfeld gekommen und die Entscheidung, groß zu feiern, fiel dann zu spät, um noch aufwändige Reisepläne schmieden zu können. Viele hatten Grußworte und Glück­wünsche geschickt, Gordy Strom war beinahe selbst anwesend, als Andreas Herm die berühmte Murmeltiergeschichte aus dessen zerlesenem Original-Kinderbuch vorlas. Und besonders bewegend war es, als Baukje Doornenbal gestützt von Jelle Jongsma, dem Leiter der niederländischen Studentenarbeit, ganz überrraschend den Saal betrat und nicht nur Grüße aus Holland, sondern auch viele Erinnerungen mitbrachte.

„Eine fröhliche Feier, die unserem Gott alle Ehre macht", das war der Wunsch, in den John Advocaat sein herzliches Grußwort gipfeln ließ. Und gerade weil es an diesem Nachmittag nicht um eine Erfolgsstory ging, sondern auch leise Töne und schmerzhafte Erinnerungen ihren Platz hatten, weil Alte und Junge sich ohne Berührungsängste mischten und weil soviel Wiedersehensfreude den Saal durchwehte, wurde es genau das: ein Fest für einen treuen Gott. Am nächsten Abend sitze ich mit Remke von der Hannoveraner Studentengruppe zusammen und wir erzählen uns gegenseitig unsere Eindrücke. „Erst hab' ich mich gewundert", sagt sie, „das sind ja fast alles Ältere hier ... aber plötzlich wurde mir klar: Die stehen alle hinter uns. Unglaublich eigentlich. Eine Wolke von Zeugen." 

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Die lesenswerte Festschrift mit Grußworten, persönlichen Beiträgen und einer ausführlichen Chronik der deutschen Navigatorenarbeit schicken wir Ihnen auf Anfrage gerne zu.