Bibellesen mal anders!

Markus Pöttinger

 

Seit Anfang dieses Jahres trifft sich in Köln eine Gruppe von sechs Navigatoren (sowie deutschlandweit Einzelne aus dem Netzwerk der Berufstätigen), um intensiv in Gottes Wort zu forschen. Die Ursprünge dieser Initiative liegen teilweise einige Jahre zurück. 1986 wurde in London der „Proclamation Trust“ gegründet, was man sinngemäß vielleicht als „Institut für biblische Verkündigung“ übersetzen könnte. Das Anliegen dieses Instituts ist es, die Bibel als Wort Gottes möglichst originalgetreu in die heutige Zeit hinein sprechen zu lassen. Der Proclamation Trust führt unter anderem ein Ausbildungsprogramm für angehende Pfarrer, Prediger und Missionare durch, den „Cornhill Training Course“. Zu den Absolventen des Kurses gehören Katja Schlichtenbrede (2002/03) sowie Ramin Djamschidi (2003/04), der mit dieser Ausbildung den Schritt in die Hauptamtlichkeit

bei der deutschen Navigatorenarbeit vollzog.

 

Anfang 2007 ermutigte mich Ramin, an der International Summer School des Proclamation Trust teilzu­nehmen. Zuvor hatten wir uns ein Jahr lang regelmäßig zum Bibellesen getroffen und uns dabei mit dem Buch Daniel beschäftigt. In dieser Zeit kamen wir nicht mehr aus dem Staunen heraus, was Gott in seinem Wort für uns bereit hält. Unsere Begeisterung ergab sich in erster Linie aus dem schrittweisen Erkennen von Gottes Wesen und Willen, wie sie in der Ge­schich­te des Buchs Daniel dem flüchtigen Blick verborgen bleiben. Insbesondere offenbart Gott in diesem Abschnitt der Bibel seine absolute Souveränität sowie seine be­harrliche Güte, die er seinem Volk selbst in Straf-Zeiten des Babylonischen Exils erweist. Darüber hinaus zeigt Gott, dass selbst die mächtigsten Herrscher dieser Welt lediglich ein klitzekleines Instrument seiner Größe sind. Diese Begeisterung des gemeinsamen

Lesens sowie unsere Erfahrungen aus dem Cornhill-Kurs gepaart mit der sich einschleichenden „WORT-losigkeit" in unserem Umfeld ließen die Entscheidung reifen, auch Navigatoren gezielt nach diesem Vorbild einzeln und in Kleingruppen zu stärken. Gerade die mittlere Navigatorengeneration ist zwar stark in einzelnen Bibelversen, sie verpasst jedoch häufig einen roten Faden zwischen den Abschnitten. Um diesem Mangel entgegen zu wirken, haben wir uns entschieden, den Fernkurs „Introduction to the Bible“ des australischen „Moore Theological College“ anzubieten. Dieser Kurs liefert einen einführenden Überblick über die theolo­gischen Zusammenhänge der Bibel und wurde uns in England für diesen Zweck empfohlen. Dieser Kurs bietet in zehn Wochen­ein­heiten (Arbeitseinsatz etwa fünf Stunden pro Woche) eine Einführung in Gottes heilsgeschichtlichen Plan für die Welt. In einer der ersten Einheiten wird beispielsweise die Auslegung von Bibelstellen anhand des Kampfes Davids gegen Goliath in 1. Samuel, Kapitel 15 bis 17 thematisiert. Nach dem Durchlesen und dem Forschen über geschichtlichen Zusammenhang, Lite­ra­turgattung, Bedeutung im damaligen Kontext etc. kommen wir unweigerlichen zu dem Punkt, an dem wir uns fragen, was diese Erzählung für unser heutiges Leben bedeutet.

 

Gehen wir zu schnell darüber hinweg, dass David durch Gott bevollmächtigt wurde, in einem Zweikampf gegen den Helden der Philister anzutreten und die Schlacht für die Israeliten zu gewinnen, geschieht die Anwendung dieser biblischen Stelle auf uns selber und unser Verhalten zu früh und ist unbefriedigend. Sehen wir David in dieser Situation nicht zuallererst als den bevollmächtigten Erlöser für sein Volk, dann sind wir geneigt, auf David als Glaubenshelden zu schauen und sein Handeln als Vorbild für das Überwinden scheinbar aussichtsloser Situationen zu interpretieren. Erst wenn wir hingegen in der Erwählung Davids durch Gott und in seiner stellvertretenden Funktion eine Parallele zu Jesus und seiner alleinigen Erlösungs­tat für uns am Kreuz erkennen, beginnt sich unsere Perspektive zu verändern. Wir beginnen, uns nicht mehr mit David, sondern mit dem Volk Israel zu identifizieren.

 

Wir stehen plötzlich nicht mehr direkt vor Goliath und müssen uns überlegen,

wie wir genug Glauben aufbringen, um diesen Riesen zu bezwingen, sondern wir reihen uns hinter David in die Front der furchtsamen Israeliten ein und erleben im Anschluss den Kampf und den Sieg eines Bevollmächtigten. Dieser stellt sich für uns zum Kampf und erringt schließlich den Sieg. Diese Bibelstelle dient uns daher nicht in erster Linie zur Ermuti­gung, sich übergroßen Herausforderungen zu stellen. Vielmehr ruft sie Freude und Gewissheit darüber hervor, dass wir teilhaben dürfen an der Erlösungstat von Gottes Sohn.

 

Dieses Beispiel verdeutlicht, welchen entscheidenden Einfluss das Wissen um grundlegende Zusammenhänge von Gottes Plan auf unsere tägliche Bibellese haben kann. Diese Basis wird in dem erwähnten Kurs gelegt.  Durch die Einordnung einzelner Bibelstellen in den heilsgeschichtlichen Plan Gottes bekommen wir wieder die gesunde Vogelperspektive auf Gottes Wort  und das Gespür für die Mitte der Bibel, die Erlösung durch Christus. Dies kann uns davor bewahren, einen vorschnellen Bezug von Bibelstellen auf unser Leben herzustellen.

 

Dieser Art der Ausbildung liegt ein tiefes Bedürfnis zu Grunde. Nachdem wir in den letzten zwei Jahren selbst erfahren durften, wie Gott uns sein Wesen und seinen Willen durch sein Wort offenbart hat, liegt es uns am Herzen, anderen die Freude am lebensspendenden Wort Gottes weiter zu geben. Wir wünschen uns, dass Gott uns weiter auf diesem Weg begleitet und die Augen öffnet, auf dass wir ihn in seiner Herrlichkeit erkennen.

 

Markus Pöttinger studierte BWL in München und reichte im Januar

2008 seine Doktorarbeit im Bereich Sportökonomie an der Universität

in Regensburg ein. Fragen und Anmerkungen können gerne an  
email@markus-poettinger.com gerichtet werden.