Liebe und Wahrheit – kraftvoll in ihrer Einheit

Anna-Maria Heinemann und Daniel Ackers

 

„Love and Truth – Liebe mit Profil“, so hieß das Thema der diesjährigen StudentenMitarbeiterKonferenz vom 25. bis 27. April in Hattingen. Der Artikel ist eine Zusammenfassung des Referats von Daniel Ackers.

 

Was ist Wahrheit?

„Wir haben die Wahrheit! gez.: Die Navigatoren.“ Wie würde ein solches Plakat an den schwarzen Brettern deutscher Universitäten wirken? Es klingt, als wüssten wir, was richtig und falsch sei, als hätten wir „die Wahrheit gepachtet“. Immerhin: Aufmerksamkeit würde dieses Statement erregen, polarisieren und Gemüter in Wal­lung bringen. Aber wäre das die Wahrheit, die wir wirklich meinen?

 

Die Suche nach einer verlässlichen Wahrheit ist brennend, auch zweitausend Jahre nachdem Pilatus in einem folgenschweren Dialog mit Jesus die Frage stellte: „Was ist Wahrheit?“ Heutzutage kreisen viele Internet-Foren um die gleiche Frage. Dabei ist man sich eigentlich absolut sicher, dass es keine absolute Wahrheit gibt. Eine verständliche Schlussfolgerung, wenn wir beim Wort Wahrheit an richtig oder falsch denken, an richtige und falsche Meinungen und Ansichten, die richtige oder falsche Bewertung von konkreter Realität und abstrakten Werten.

 

Was ist Wahrheit? Jedenfalls mehr als nur Recht haben. Das merken wir, wenn bei Diskussionen das Herz rast und die Tränen kommen. Ginge es nur um richtig und falsch, bräuchten wir nicht persönlich betroffen zu sein. Wir sind es aber. Denn wirkliche Wahrheit, die von der die Bibel spricht, betrifft mich, meine Persönlichkeit, meine Existenz. Sie ist keine Kopfangelegenheit. Sie ist verwoben mit meiner Identität und meinem Sein. „Ich BIN die Wahrheit!“ Jesus macht deutlich: Reden bringt uns der Wahrheit nicht näher. Wir müssen ihr begegnen, wortwörtlich. „Kommt und seht“, so lädt Jesus seine ersten Jünger zu sich ein, und es scheint, als würde er damit die Frage des Pilatus nach der Wahrheit schon am Anfang des Evangeliums beantworten.

 

Der Wahrheit begegnen

Wir finden in den Evangelien viele Ge­schichten, in denen Menschen mit Fragen zu Jesus kommen, um ihn herauszufordern und mit ihm zu diskutieren. Er äußert sich zum Sabbat, zu Steuern und anderen theologischen Kniffeleien. Ganz anders die Situation, in der ein reicher Jüngling vor ihm auf die Knie fällt und wissen will: „Was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?“ (Markus 10,17). Eine Todernste Schicksalsfrage, nicht von theologischem Interesse, sondern von persönlicher Betroffenheit geprägt. Deshalb ist schon am Anfang der Ge­schichte klar, dass es zu einer echten Begegnung mit Jesus kommen wird. Und deshalb ist die Wahrheit, die der reiche  Jüngling (über sich) erfährt, auch so bewegend. Hier ist „wahr“ nicht nur richtig oder falsch – die richtige Antwort auf eine Frage, sondern eine Begegnung, die ihn zutiefst betrifft.

 

Haben wir eine solche Begegnung schon selbst erlebt? Wo uns jemand mit einem glasklaren Blick durchschaut, verstanden und erkannt hat, um uns dann etwas in Lie­be zu sagen, von dem wir einfach wussten, dass es wahr ist? Genau so ist es bei diesem Erlebnis. Jesus sieht den Jüngling an und gewinnt ihn lieb – und kann gar nicht anders, als ihm die Wahrheit über sein Leben zu sagen. Er hat keine Sünden relativiert, keine kalte richtige Antwort gegeben, sondern den anderen in Liebe durchschaut und die Wahrheit mit einem unglaublichen An­gebot verbunden: „Verkaufe alles, was du hast (...), so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach!“ Liebe und Wahrheit zugleich. Weil er das spürte, ging der Reiche nicht nur „entsetzt über das Wort“, sondern zugleich „traurig davon“.

 

Dieser Mensch ist der Wahrheit über eine drängende persönliche Frage begegnet. Andere sind sich keiner konkreten Frage bewusst und werden dennoch plötzlich von der Wahrheit überwältigt. So geschieht es bei der Berufung des Petrus (Lukas 5,8-11). Entsetzt stellt der Fischer fest: „Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch!“ Wir zwei passen eigentlich gar nicht zueinander – an dieser Fest­stellung relativiert Jesus nichts. So ist es! Nur bei Jesus können wir die Wahrheit über uns aushalten, denn bei ihm sind Wahrheit und Liebe eins. Deshalb lässt sich Petrus auch auf das Angebot ein: „Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.“

 

Die Wahrheit tun

Man fängt an zu verstehen, dass Nach­fol­ge und Heiligung nicht in erster Linie

bedeutet, an positiven Eigenschaften zuzunehmen. Sondern derselben Wahrheit immer wieder und immer tiefer zu begegnen, immer mehr zu verstehen, wer wir im Lichte Gottes sind, dass wir eigentlich so überhaupt nicht zu ihm passen. Wir brauchen immer wieder solche Petrus-Begeg­nungen mit Jesus, wo wir von dieser liebenden Wahrheit umfangen werden. Zugleich geht es nämlich auch darum, immer tiefer zu verstehen, dass wir durch Jesus doch völlig selbstverständlich zu Gott gehören. Das ist das Fundament unserer Beziehung zu ihm.

Unsere Veränderung und wachsende Ähnlichkeit mit Jesus ist dann keine Voraus­setzung mehr für eine Begegnung mit der Wahrheit, sondern ihre Konsequenz:  „Wer aber die Wahrheit tut, kommt zu dem Licht …“ (Johannes 3,21). Wahrheit, in Liebe gesprochen, hat also immer sichtbare Auswirkungen. Der reiche Jüngling war zutiefst betroffen, Petrus, Jakobus und Johannes verließen alles, folgten Jesus nach und wurden zu Menschenfischern. Dasselbe gilt auch noch heute: Wenn wir Paulus‘ Auffor­derung ernst nehmen, „wahrhaftig zu sein“ in der Liebe (Epheser 4,15 – hier fehlt für die deutsche Übersetzung des Textes einfach das passende Verb zu „Wahrheit“), können wir uns darauf verlassen, dass diese Haltung Aus­wirkungen an unseren Universitäten, unter unseren Mitstudierenden haben wird.

 

„Wir haben die Wahrheit! gez.: Die Navigatoren.“ Das klingt vor solch einem Hintergrund schon ganz anders. Eigentlich müsste es heißen: „Die Wahrheit hat uns!“ Die Wahrheit ist kein Hammer, den wir schwingen können. Im Gegenteil, sie macht uns demütig, befreit und fordert uns heraus, sie macht uns also zu Menschen, die mitten im Unibetrieb liebesfähig und authentisch leben können. Und deshalb ist sie der einzige Grund, warum wir ernsthaft hoffen können, als Einzelne unter unseren Mitstudierenden oder als Gruppe an der Uni einen Unterschied zu machen. Lasst uns also unsere Unis „liebend durchwahrheiten“!

 

Anna-Maria Heinemann studiert Germanistik und Geschichte in Hannover.

 

Daniel Ackers ist seit November 2007 Leiter der Studentenarbeit.