In den letzten beiden Jahren war ich zeitlich sehr durch ein Projekt beansprucht, das mich schließlich mehr aus der deutschen Navigatorenarbeit herausgeholt hat, als mir lieb war. Aber der Einsatz hat sich gelohnt. Es ging um das Projekt „Money & The Navigators“. Normalerweise würde man bei einem solchen Titel zunächst einmal an Fundraising oder Finanzmanagement denken. In einer der vier Arbeitsgruppen ging es auch tatsächlich um letzteres, nämlich um ethische Grundsätze beim Umgang mit Geld. Bei den anderen war die Geldfrage aber der Aufhänger für internationale Zukunftsthemen der Arbeit. Diese drei Projektgruppen sollen hier in aller Kürze mit ihren Themen und wichtigsten Ergebnissen vorgestellt werden. Wie man sehen wird, kamen die Fragestellungen oft nicht primär aus der westlichen Welt.
Dies war die Gruppe, der ich zugeteilt war. Hier ging es um die traditionell so genannte „Hauptamtlichkeit“. Ein problematischer Begriff, denn er erweckt womöglich den ebenso falschen wie fatalen Eindruck, dass ein Hauptamtlicher Gott „ganz“ dient, andere dagegen nicht. Ein Blick in das Alte Testament zeigt, dass dort die Weichen bereits durch die Stammeszugehörigkeit wertfrei gestellt waren: die vom Zehnten lebenden Leviten (die selber übrigens auch den Zehnten gaben, 4. Mose 18,26) waren für den Tempeldienst zuständig, die anderen elf Stämme für die Bewirtschaftung des Landes. Aber alle waren auf ihre Weise „vollzeitlich“ im Dienste Gottes.
Hervorgehoben wurde daher in dieser Gruppe die Bedeutung des „kulturellen Mandats“, also des Auftrags an den (damals noch ungefallenen) Menschen, sich als Ebenbild Gottes zu vermehren, sich die Erde im Sinne Gottes untertänig zu machen (1. Mose 1,28) und den Garten zu bebauen und bewahren (1. Mose 2,15). Zwischen diesem Mandat und dem Missionsbefehl besteht kein Entweder-oder-Verhältnis, sondern es sind zwei Seiten
einer Medaille. Wenn ein Mensch seinen bisherigen Beruf verlässt, um als Missionar/in auf Spendenbasis tätig zu werden, dann hat das nicht den Charakter einer geistlichen „Beförderung“, sondern ist lediglich die Folge einer Neubewertung der Situation, in der diese Person mit ihren Gaben und Möglichkeiten steht.
So sehr in dieser Gruppe die Erfüllung des Missionsbefehls im Rahmen eines ganz„normalen“ Berufs unterstrichen wurde, so wurde doch auch festgestellt, wie notwendig es für die Navigatorenarbeit ist, dass Einzelne mit ihrer gesamten Zeit dem Werk zur Verfügung stehen. Für das pioniermäßige Starten neuer Initiativen, für die Entwicklung florierender Studentenarbeiten und für die überregionale Betreuung von verstreuten Mitarbeitern sind hierfür ganz freigestellte Missionare meist unverzichtbar.
Wer als Missionar in bestimmten Staaten persona non grata, also unerwünscht ist, der suchte sich dort schon immer pro Forma eine andere Identität: als Student oder Doktorand, Handelsvertreter oder Firmenberater usw. Dasselbe gilt für solche, die zwar ohne weiteres ein Visum als Missionare erhalten, aber in dieser Rolle nur schwer Zugang zu den Menschen ihres Umfelds finden. Problem nur: man wünscht sich letztlich keine vorgetäuschte, sondern eine echte Identität. So entstand dann bei Menschen mit der entsprechenden Begabung und Veranlagung irgendwann die Überlegung: Warum nicht tatsächlich als christlicher Unternehmer den Missionsbefehl erfüllen und damit gleichzeitig Aufbauarbeit leisten? Hier spielten natürlich auch die Gedanken eine Rolle, die in der ersten Arbeitsgruppe zum Thema „kulturelles Mandat“ dargelegt wurden.
Es kamen weitere Überlegungen hinzu: Was ist mit den einheimischen Mitarbeitern? Wenn aus dem Land heraus keine eigenen Missionare finanziert werden können, man aber auch nicht langfristig auf ausländisches Geld angewiesen sein will, wie kann man dann eine solide Spendenbasis schaffen? Und wie ist es in Ländern, in denen Universitätsabsolventen zu 80 % in die Arbeitslosigkeit entlassen werden? Was ist da die ganzheitliche Verantwortung eines Missionswerks?So wurden dann durch Mitarbeiter der Navigatoren in vielen Ländern Existenzgründungen betrieben. Zum Teil wurde dabei aus Unerfahrenheit erst einmal viel Geld in den Sand gesetzt. In einem Fall, wo ein Unternehmen schließlich zumachen musste, sagte danach aber ein ausländischer Beobachter im Blick auf die missionarische Frucht des Einsatzes: „Ich glaube, dass in eurem Land trotz eurer Verluste die Kosten für das Erreichen von Menschen immer noch geringer waren als da, wo ich herkomme; wenn man nämlich bedenkt, wie viele Spendergelder bei uns fließen mussten, um die Missionare zu unterhalten.“ Und aus jedem dieser Fälle werden wichtige Lektionen für kommende Generationen von missionarischen Existenzgründern gelernt.
Für die Praxis legte diese Arbeitsgruppe in weiser Selbstbeschränkung den Fokus überwiegend auf den ersten Punkt, den der Armut. Ein Fokus auf Korruption und Ungerechtigkeit – von der die Gruppe schlimme Beispiele berichten konnte – hätte vermutlich nur die Emotionen hoch kochen lassen, ohne unmittelbar gangbare Auswege aufzeigen zu können.
Im Blick auf Armut wurde festgestellt, dass in praktisch allen Ländern die Navigatoren bis auf wenige gezielte Initiativen (die aber in den letzten Jahren zugenommen haben) nie wirklich die Armen erreicht haben. Man hatte in Entwicklungsländern mit der Arbeit an den Universitäten begonnen, wohl wissend, dass die Absolventen später verantwortliche Stellungen in der Politik, der Wirtschaft, dem Bildungs- und Gesundheitswesen bekleiden würden. In diesen Positionen, so dachte man, würde ihr christlicher Einfluss in das Gefüge der Gesellschaft einsickern, und so würde man schließlich auch die Armen erreichen. Aber dies geschah nicht, oder nur in ganz geringem Maße. Die Navigatoren blieben fast
überall eine Arbeit innerhalb der Mittel- und Oberschicht.
Und so kam man zu dem Ergebnis, dass man in Zukunft direkt zu den Armen gehen muss, wenn man sie denn erreichen will. Und das will man! Zumal sich auch andeutet, dass unter ihnen vielerorts eine größere Offenheit für das Evangelium besteht als unter den Bessergestellten. Der Arbeitsgruppe war allerdings bewusst, dass die sozialen Gegebenheiten weltweit sehr verschieden sind. Sie plädierte trotzdem für ein grundsätzliches Umdenken überall: „Bei einigen von uns wird sich alles verändern. Bei allen sollte sich etwas verändern.“
Wie geht es nun weiter? Die Ergebnisse der Gruppen werden derzeit weltweit diskutiert. Dabei sollen die einzelnen Länder und Regionen entscheiden, welche Themen bei ihnen wirklich brennend sind und als erste aufgegriffen werden müssen. In Deutschland beschäftigen wir uns zurzeit mit den Ergebnissen der ersten Arbeitsgruppe. Die Bibelarbeiten dieser und anderer Gruppen (oder relevante Teile daraus) werden wir zu gegebener Zeit übersetzen und Interessenten zugänglich machen. Wer mehr erfahren und über die Entwicklung auf dem Laufenden gehalten werden möchte, kann sich gerne an mich wenden. Auch Leserbriefe sind willkommen!
Wolf Christian Jaeschke ist Leiter der deutschen Navigatorenarbeit.