Vom Geben und vom Nehmen, Phasen der geistlichen Mitarbeit

Wolf Christian Jaeschke

In letzter Zeit habe ich gelegentlich bei Treffen langjähriger Mitarbeiter die Anwesenden gebeten, sich in Bezug auf ihre geistliche Entwicklung den vier Quadranten I–IV eines Koordinatensystems zuzuordnen. Und zwar pauschal, nicht mit punktgenauer Positionsbestimmung. Die blaue x-Achse steht für geistliches Geben (horizontal, Menschen gegenüber), die orange y-Achse für geistliches Nehmen (vertikal, denn letztlich nimmt man immer von Gott, auch wenn es durch Menschen geschieht).



Bei diesem Bild drängen sich natürlich ein paar kritische Fragen auf. Müsste man nicht erst die beiden Begriffe definieren? Ist z.B. das Geben nicht auch eine Form des Nehmens, wie es ja schon Paulus in Römer 1,11.12 sagt? Kann man überhaupt beim Geben und Nehmen „in die Miesen gehen“ oder geht es
nicht schlimmstenfalls auf Null zurück? Außerdem: Muss man nicht, wenn es denn so weit kommt, zwischen geistlichem und körperlichem Ausgebranntsein unterscheiden? Ja, das sind alles völlig richtige Einwände. Aber interessanterweise konnten die allermeisten Teilnehmer intuitiv etwas mit der Aufgabenstellung anfangen. Und es hat ihnen gerade geholfen, dass sie nur um eine pauschale Selbsteinordnung gebeten wurden, ohne genauer differenzieren zu müssen.


Die wertende Betrachtung

Der erste Blick könnte dazu verleiten, die vier Quadranten einfach nur wertend zu betrachten. Man könnte sich Bezeichnungen ausdenken wie: Erfüllte Mitarbeiter (I), Leistungsverweigerer (II), Im-Abseits-Stehende (III) und Burnout-Kandidaten (IV). Aber die Wirklichkeit ist komplizierter, und die wertende Betrachtung kann unfair und geradezu zynisch sein.



Die zyklische Betrachtung

Wenn man in die Diskussion über die Quadranten einsteigt, zeigt sich oft,
dass Menschen sie nacheinander erlebt haben. Und zwar beginnend links oben und im Uhrzeigersinn.


Erst gab es eine Phase, in der alles neu war, in der man nur lernte – sei es zu Hause als Kind gläubiger El-
tern, sei es in einer Gemeinde, sei es in einer christlichen Schüler- oder Studentengruppe. Der Einstieg erfolgte also in Quadrant II – ein Einstieg in das Christenleben ganz allgemein. Irgendwann fing man dann an, auch aktiv mitzumachen, wuchs also in Quadrant I hinein – der Einstieg in die geistliche Mitarbeit. Man war begeistert, engagiert, voll dabei. Geben und Nehmen standen in einem ausgewogenen Verhältnis.


Aber bei vielen ging es dann irgendwann über in Quadrant IV. Man hat über Jahre hinweg gegeben, dabei vergleichsweise wenig empfangen und sich schließlich „verausgabt“.


Manche wurden über dieser schmerzhaften Erfahrung zu Aussteigern, schmissen ihre Verantwortungen hin und fanden sich erst einmal in Quadrant III wieder. Aber wenn sie dann zaghaft begannen, sich nach Gott auszustrecken, waren sie – manche langsam, manche plötzlich – wieder in Quadrant II.


Gott sei Dank läuft es nicht immer so zyklisch ab. Ein verantwortlicher Umgang mit sich selbst und (im Fall von Leitern) mit den eigenen Mitarbeitern beinhaltet, dass der Übergang von Quadrant I zu Quadrant IV wahrgenommen und dass gegengesteuert wird: durch Veränderungen beim geistlichen Geben bzw. Zu-

rückfahren desselben (fällt manchen schwer genug), durch ausgiebigeres und ergiebigeres geistliches Nehmen (tatsächlich schwieriger, denn man hat es nicht selbst in der Hand), oder durch beides gleichzeitig.


Biblische Reflektionen

Was ist eigentlich im Blick auf die Bibel von diesen Quadranten zu halten? Es handelt sich nicht um ein biblisch vor-gegebenes „System“, aber die Bibel hat zu allen vier Quadranten etwas zu sagen.

Zwar zitiert Paulus in Milet das (nur an dieser Stelle überlieferte) Wort Jesu:


„Geben ist seliger als nehmen“ (Apos-telgeschichte 20,35). Am Anfang aber muss das Nehmen stehen und damit Quadrant II. Jesus selbst hat zunächst einmal dreißig Jahre lang konsequent mit dem Bewusstsein gelebt: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen“ (Johannes 2,4). Und als Martha bei ihm das Geben der Maria einklagte, erwiderte er: „Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt [nämlich das Nehmen]; das soll nicht von ihr genommen werden“ (Lukas 10,42).


In Johannes 1,16 steht: „Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.“ Je mehr man in dieser Weise „Gnade genommen“ hat, desto eher wird man zum Geber, und zwar zu einem „fröhlichen Geber“ (2. Korinther 9,7). Damit ist Quadrant I auf den Punkt gebracht. Mir fällt zu diesem Nehmen-
Geben-Zusammenhang immer das Gedicht „Der römische Brunnen“ von Conrad Ferdinand Meyer ein. Dort
wird am Ende über die drei Brunnenschalen gesagt: „und jede nimmt und gibt zugleich / und strömt und ruht.“

 

Aber wir leben in einer gefallenen Welt, in der es letztlich keine paradiesische Ausgewogenheit gibt. Jesus bringt Leben in eine sterbende Welt, und zwar durch sein eigenes Sterben und Auferstehen. Er sagte: „Wenn ein Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht“ (Johannes 12,24). Das gilt auch für die, die Jesus nachfolgen. Man betrachte nur die Kategorien, in denen Paulus im 2. Korintherbrief seinen Dienst beschreibt (4,7–12; 6,4–10; 12,9.10).


Dass man die Grenze zu Quadrant IV überschritten hat, merkt man, wenn Aktivitäten, die man früher (in dem hilfreichen englischen Begriffspaar) als energizing (beflügelnd, neue Kräfte verleihend) erlebt hat, auf einmal nur noch draining (kräftezehrend) sind. Im Gleichnis von den zehn Jungfrauen gesprochen:
Das Öl wird knapp, und die Lampe droht zu verlöschen (Matthäus 25,1–13). Oder im Bild von der Wüstenwanderung: Man hatte nicht genug Zeit und/oder Gelegenheit, ausreichend Manna zu sammeln (2. Mose 16).


Wenn man merkt, dass es so nicht weiter geht, sollte man sich auf keinen Fall Bo-xer zum Vorbild nehmen, das Pferd in George Orwells Animal Farm mit seinem Lebensmotto: „I will work harder.“ Das richtige Vorbild ist der Prophet Elia. Dieser hatte am Karmel König Ahab und den Baalspriestern getrotzt – zwar in der Kraft Gottes, aber wohl auch bis zur physischen Erschöpfung. Als dann Ahabs Frau Isebel gegen ihn auftrat (1. Könige 19,2), hatte er auch geistlich nichts mehr zuzusetzen, erlebte Gott nicht mehr als gegenwärtigen Helfer und flüchtete. Aber der Zielpunkt seiner Flucht war der Ort, wo Gott schon einmal zu Israel ge-sprochen hatte: der Horeb, also der Berg Sinai. Gott ist ihm bereits auf dem Weg dorthin und erst recht dann am Ziel begegnet: erst durch physische Versorgung und dann durch geistlichen Zuspruch.