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Bibelverse (die es) in sich haben

Wolf Christian Jaeschke

In Anlehnung an Dawson Trotman, den Gründer der Navigatoren, gibt der folgende Artikel Gedanken zum Auswendiglernen von Bibelversen wieder.

Dawson Trotman kam 1926 zum Glauben. Wie das geschah, erzählte er später einmal so:

„Es war eine Serie von Bibelversen, die ich für einen Wettbewerb in einer Jugendgruppe lernte, die mein eigenes Leben umwandelte. Ich war zwanzig, arbeitete als Lastwagenfahrer für ein Sägewerk und hatte wenig Interesse für den Glauben. Aber jede Art von Wettkampf war für mich eine Herausforderung. Weil ich wollte, dass meine Gruppe gewinnt, lernte ich alle zwanzig Verse auswendig, die mir mitgegeben worden waren – zehn Verse zum Thema ‚Erlösung‘ und zehn zum Thema ‚Leben im Glauben‘.

Eines Morgens, auf dem Weg zur Arbeit, schoss mir dann ein Vers immer wieder durch den Kopf: ‚Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen‘ (Johannes 5,24). Und in dem Augenblick geschah es, dass ich mein Herz Christus auslieferte und ihn in dieser Aussage beim Wort nahm.“

Vom ersten Tag seines Glaubenslebens an waren für Trotman auswendig gelernte Verse in jeder Hinsicht prägend. Er fährt fort:

„Gottes Wort, in meinem Herzen gespeichert, half mir dabei, Kollegen im Sägewerk zu Christus zu bringen, und ich half ihnen dann bei den ersten Schritten im Glauben. Weil es in meinem Leben so hilfreich war, tat ich alles Erdenkliche, um andere Menschen dazu zu bewegen, Gottes Wort in ihrem Herzen zu speichern. Eine Sonntagsschulklasse von sechs Oberschülern war der Anfang, und es dauerte nicht lange, bis 200 Jungen in unserer Kleinstadt Jesus als Erlöser gefunden hatten, kleine Neue Testamente mit sich herumtrugen, Verse auswendig lernten, im Alltag damit Erfahrungen machten und regelmäßig in die Sonntagsschule und zum Gottesdienst kamen. Dann begann die Arbeit unter Männern in der Marine. Diese selbst fingen später an, sich ‚Navigatoren‘ zu nennen, weil sie lernten, die Bibel als Landkarte zu benutzen, um durchs Leben zu navigieren, mit Christus als Kapitän auf der Kommandobrücke. In den Jahren, die folgten, haben wir erlebt, dass unzählige junge Seeleute das auswendig gelernte Wort Gottes  als Hilfe erlebten, um anderen von Jesus zu erzählen und zugleich selber im Glauben zu wachsen.“

Als Trotman dann anfing, einen Schrifteinprägekurs zu entwickeln, war ihm ein Bibelabschnitt besonders wichtig. Es war das Glaubensbekenntnis des Volkes Israel, das Sch’ma Jisrael („Höre, Israel“) von 5. Mose 6,4 in Verbindung mit den anschließenden Versen. Zuerst heißt es: „Der HERR ist unser Gott, der HERR allein.“ Dann folgt in Vers 5 das, was Jesus als das höchste Gebot bezeichnete, nämlich dass man diesen einen und einzigen Gott lieb haben soll von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller Kraft.

Direkt anschließend heißt es dann in den Versen 6-7: „Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst.“ Wo Luther „zu Herzen nehmen“ übersetzt, heißt es in anderen Übersetzungen: „auf dem Herzen tragen“, „in deinem Herzen tragen“; oder dass die Worte „ins“ bzw. „aufs Herz geschrieben sein“ sollen. Für Trotman lagen damit das Gott-lieb-haben und das Verselernen so eng beieinander wie die Verse 4-5 und die Verse 6-7 in 5. Mose 6.

Der Schrifteinprägekurs der Navigatoren war damals ein Korrespondenzkurs, und so sammelte Trotman viele Erfahrungen bei der Begleitung von Menschen im Rahmen dieses Kurses. Als Wichtigstes schärfte er das Wiederholen ein. Stell dir eine Bibel vor, meinte er, in der du in wunderbar klarer Schrift das Wort Got-tes vor dir hast. Aber beim nächsten Aufschlagen ist auf einmal das Druckbild verschwommen, und beim dritten Mal ist die Schrift ganz weg! Genauso ist es mit Versen, die man dem Gedächtnis „ein-prägt“, die man in den Worten von Sprüche 3,3 „auf die Tafel seines Herzens“ geschrieben hat. Wenn man sie nicht wiederholt, verblassen sie. Besser ein fester Grundstock von Versen, die regelmäßig „aufgefrischt“ werden, als eine große Zahl verblasster Verse.

Es kamen viele begeisterte Rückmeldungen. Dabei spielte das Alter keine Rolle. Eine Frau in den Siebzigern schrieb: „Ich werde weiter an dem Kurs arbeiten, bis die Verse so sehr ein Teil von mir geworden sind wie Psalm 23 [‚Der Herr ist mein Hirte‘].“ Ein Neunjähriger schaffte den Kurs in besonders kurzer Zeit. In dem Auswertungsbogen, der am Ende eingeschickt werden sollte, stand u. a. die Frage: „Was hat Ihnen am meisten geholfen, diesen Kurs erfolgreich abzuschließen?“ Als Antwort stand in krakeliger Kinderschrift: „Mama und Jesus.“

Trotman erzählte dies als Anekdote am Rande. Aber es lohnt sich, darüber nachzudenken. Ja, beim Verselernen ist es erfahrungsgemäß entscheidend, dass beides da ist, „Mama“ und Jesus. Wobei „Mama“ hier allgemein für einen konkreten Menschen stehen soll, der liebevoll-bestimmt nachhakt, wie es mit dem Verselernen läuft. Oder für eine Gruppe, die einen immer wieder neu ermutigt, dranzubleiben. Aber diese äußerliche Hilfe, so wichtig sie ist, reicht nicht, wenn Jesus nicht beim Verselernen in der Mitte steht und gegenwärtig ist.

„Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen“ (Kolosser 3,16): mit dieser Aussage schloss Trotman gerne, wenn er über das Auswendiglernen sprach oder schrieb. Was genau meint Paulus mit dieser Aufforderung? Die Antwort finden wir, wenn wir diese Stelle neben die Parallelstelle Epheser 5,18b-20 setzen.

Kolosser 3,16-17

»  Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen:
»  Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.
»  Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.

 Epheser 5,18b-20

» Lasst euch vom Geist erfüllen.
» Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen
» und sagt Dank Gott, dem Vater, allezeit für alles, im Namen unseres Herrn Jesus Christus.

Das Wort Christi reichlich unter sich wohnen zu lassen (oben) und sich vom Geist erfüllen zu lassen (unten) erscheinen hier als zwei Seiten einer Medaille. Wer also Verse lernt und sie als „Wort Christi“ im Herzen trägt, der lädt damit den Heiligen Geist ein, im eigenen Leben und dadurch auch im Leben anderer wirksam zu sein. Das war es, was Trotman so eindrücklich erlebte: Man hat Verse in sich, die es in sich haben. 

Diesem Artikel liegen vor allem die beiden Aufsätze „Hidden Power“ und „How to Memorize Scripture“ zugrunde, veröffentlicht in: Dawson Trotman: In His Own Words, hrsg. von Ken Albert, Susan Fletcher und Doug Hankins, NavPress 2011, S.198-201 und S.212-221.

Wolf Christian Jaeschke gehört zum Navigatoren-Angestellten-Team.
Er ist im Arbeitszweig Beruf & Familie sowie in der Europaleitung tätig.

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