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WENN DAS LEBEN DIE KRÄFTE RAUBT – DREI ANTRIEBSENERGIEN FÜR DEN ALLTAG

Die „Radillustration“, geliebtes und bewährtes Erbstück der Navigatoren, stand im Mittelpunkt der diesjährigen Pfingstfreizeit. Neu erfinden muss es keiner – aber woher kommt die Kraft, die das Rad in Bewegung hält? Hierzu einige Gedanken aus dem Referat von Daniel Ackers.

Wenn Dawson Trotman, der Gründer der Navigatoren, in seinen ersten „Zweierschaften“ mit jungen Matrosen vermitteln wollte, was die grundlegenden Elemente eines Lebens als Christ sind, benutzte er zur Veranschaulichung das Bild eines dreibeinigen Hockers. Die drei Beine, die dem Hocker seine Stabilität verleihen, standen dabei für das Wort Gottes, das Gebet und das Weitererzählen des Evangeliums. Aber schnell störte ihn daran, dass das Christ-Sein viel zu spannend ist, um es mit etwas so Statischem wie einem Hocker zu vergleichen. Und so erfand er die Radillustration, die einen Christen in Bewegung veranschaulichen sollte. Die drei Hockerbeine, ergänzt durch die Gemeinschaft, wurden zu vier Radspeichen, angetrieben über die Achse bzw. Nabe, nämlich durch Christus im Mittelpunkt.

In diesem Bild kommt nicht zuletzt auch zum Ausdruck, dass es wie beim Radfahren darum geht, als Christ Bodenhaftung zu behalten und im Leben sichtbare Spuren zu hinterlassen. So wie Jesus seinen Jüngern in den Abschiedsreden sagt, dass sie dazu bestimmt sind, sich in Bewegung zu setzen und Frucht zu bringen. Frucht, von der er sagt, dass sie bleiben wird (siehe Johannes 15,16). Deshalb steht auf der Felge des Rades „Gehorsam: Leben von der Mitte her“.  

Zum Glück gibt es immer mal Momente, in denen wir um uns herum Frucht sehen und das „Rad in Bewegung“ erleben. Aber auf die Langstrecke gesehen, wenn unser Beitrag im Reich Gottes so umkämpft erscheint, machen uns die Reibungsverluste deutlich zu schaffen. Was gibt uns die Energie, täglich dranzubleiben, mittendrin in dieser Welt zu leben und sie zu prägen? Was bedeutet es also, von der Mitte, von Christus her angetrieben zu werden, wenn man sich selbst ausgepowert fühlt? Sicher gibt es viele verschiedene persönliche Zugänge, Christus und seine Kraft wieder in den Mittelpunkt seines Lebens zu rücken. Hier seien drei „Energieformen“ beschrieben, die dabei helfen.

INTIMITÄT – „THERMISCHE ENERGIE“

Auf der langen Strecke ist vielleicht nichts so existentiell wie die echte und tiefe Beziehung zu Jesus – die Intimität mit ihm. Da, wo wir wirklich bedingungslos geliebt werden, werden unwiderstehliche Kräfte freigesetzt, die uns motivieren, neue Herausforderungen anzugehen oder in schwierigen Situationen dranzubleiben. Deshalb geht es Jesus in dem Abschied von seinen Jüngern (Johannes 13-17) auch so intensiv darum, sie in seine eigene intime Beziehung zum Vater mit hinein zu nehmen. Er schließt sein Gebet für die Jünger mit dieser Bitte ab: „ ... damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen“ (Johannes 17,26b).

Als Energieform kann man diese Beziehung zu Jesus am ehesten mit thermischer Energie vergleichen, die durch Bewegung der Moleküle den ganzen Raum einnimmt – je mehr die Moleküle in Bewegung sind, desto wärmer der Raum. Je tiefer uns die Nähe zu Jesus in allen Winkeln unseres Lebens ergreift, desto selbstverständlicher sind wir mit ihm unterwegs.

Wie kann man so eine tiefe Beziehung mit Gott wachsen lassen? In der Bibel gibt er uns etliche Hilfestellungen, Intimität zu ihm zu lernen. Durch Vorbilder in Geschichten und durch Psalmen, die uns direkt auffordern oder uns Worte bieten, die wir selbst gebrauchen können. So lädt uns z. B. Psalm 62,9 ein: „Vertraut ihm zu jeder Zeit, ihr aus dem Volk! Schüttet euer Herz aus vor ihm! Gott ist unsere Zuflucht.“

Intimität wächst nur durch Vertrauen. Man muss einem anderen vertrauen, um überhaupt erst fähig zu werden, sich von ihm lieben zu lassen. Wir müssen darum ringen, Gott zu vertrauen, unser Herz ehrlich „vor ihm ausschütten“, um seine Liebe erfahren zu können. Der Psalm lädt uns dazu ein, Gott unsere Gefühle auszudrücken – Angst, Wut oder Sorgen abzuladen, Freude zu teilen, Dankbarkeit loszuwerden oder Zweifel zu benennen – und gleichzeitig zu erfahren, dass der allmächtige Gott, Schöpfer des Universums, unsere persönliche Zuflucht ist und Beziehung mit uns leben will.

Das sind unerschöpfliche Kraftquellen, wenn wir Raum und Formen dafür finden, Gemeinschaft mit Gott zu genießen und unser Herz vor ihm immer wieder auszuschütten. Vielleicht hilft es, mal bewusst ein entspanntes „Frühstück mit Gott“ einzuplanen als Erinnerung, dass es in erster Linie um Beziehung und nicht um eine „Dienstbesprechung“ geht.

IDENTITÄT – „POTENTIELLE ENERGIE“

Ganz nah an Gott eröffnet sich für uns noch eine andere Kraftquelle: unsere Identität, die Sicherheit darüber, wer wir wirklich sind. Als Energieform ist sie mit der potentiellen Energie vergleichbar. Anschaulich wird potentielle Energie z.B. bei einem Stausee. Die riesigen Wassermengen sehen friedlich aus, es steckt aber eine gewaltige Kraft dahinter, die an der Staumauer kontrolliert nutzbar gemacht werden oder unkontrolliert zerstörerisch wirken kann.

Mit unserer Identität ist es ganz ähnlich. Es steckt unglaublich viel Kraft darin. Wenn sie gut geerdet und sicher ist, ist sie eine Antriebskraft, die viel Positives für andere hervorbringen kann. Wenn sie sich dagegen ständig unsicher selbst hinterfragt, kann sie aus egoistischen Motiven auch sehr viel zerstören. Der entscheidende Unterschied ist, ob man um seine Identität ringt oder ob man in der Identität, die Gott einem zusagt, ruht. Psalm 62,8 fasst diese entscheidende Sicherheit in Worte: „Auf Gott gründet sich meine Freiheit und Würde.“ (Basisbibel)

An Jesus selbst sieht man genau diese Freiheit, aus einer sicheren Identität heraus zu leben. Gleich zu Beginn seines öffentlichen Wirkens spricht ihm sein Vater zu: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden“ (Markus 1,11). Jesus musste nie mehr um seine Gewissheit oder seine Anerkennung als Sohn Gottes kämpfen. Er war der Sohn Gottes, weil es ihm der Vater zugesprochen hatte. Nie ringt er um Status, er ist absolut frei zu dienen, wie bei der Fußwaschung (Johannes 13,2-4) und bis zu seinem Weg für uns ans Kreuz.

Wenn Jesus in den Abschiedsreden seinen Jüngern sagt: „Bleibt in mir“ (Johannes 15,4), dann meint er auch: Bleibt in der Identität, die ich euch zusage. Dass wir als Reben Teil des Weinstocks sind, dass wir seine Jünger, seine Freunde, geliebte Töchter und Söhne sind. Wir müssen unsere Identität nicht erarbeiten, sie wird uns von Gott unverrückbar zugesprochen. Unsere ganze „potentielle“ Kraft könnte frei gesetzt werden für den Blick auf Gott und auf andere, statt auf uns selbst gerichtet zu sein.

INITIATIVE – „KINETISCHE ENERGIE“

Nah an Christus werden wir mit unserer kleinen persönlichen Lebensgeschichte immer hineingenommen in Gottes große Weltgeschichte. Gott hat mit Jesus eine globale Initiative gestartet. Jesus sagt in Lukas 17,21: „Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch“. Und er macht sehr deutlich, dass wir Teil dieser Initiative sind: „Wie mich mein Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Johannes 20,21). Das, was uns im Alltag klein und mühsam vorkommt, ist eingebaut in Gottes großes Projekt. Er bewegt etwas in dieser Welt, und zwar permanent – vergleichbar mit der kinetischen Energie, der Energie in Form von Bewegung.

Nah an Jesus ist man deshalb immer auch mit ihm unterwegs, bringt man immer auch etwas hervor – nämlich „Frucht, die bleibt“, – bewegt man etwas, das diese Welt verändert. Ob das Unterwegs- Sein in Gottes Initiative für uns eine mühevolle Pflicht oder Ausdruck von Nähe zu ihm ist, entscheidet darüber, ob wir auf der langen Strecke in Bewegung bleiben oder ausgebrannt aufgeben. Entscheidend dafür ist, dass wir unsere Lebensgeschichte in den richtigen Rahmen stellen. Fassen wir, dass wir mittendrin stehen in Gottes Geschichte mit dieser Welt? Seine vollkommen perfekte Schöpfung, dann die Katastrophe des Sündenfalls, die unfassbare Rettung durch Jesus und schließlich Gottes Neu-Schöpfung, von der wir schon eine Vorahnung durch unsere Beziehung zu ihm haben. Als Teilhaber an seiner Initiative ist für uns jeder Handschlag, den wir im Alltag machen, jede noch so kleine Begegnung nicht nur „nicht vergeblich“ (1.Korinther.15,58), wir gestalten tatsächlich mit daran, dass sein Reich kommt, seine Kraft die Welt durchdringt.

Es bleibt unsere ständige Herausforderung, von der Mitte her zu leben. Aus einer engen und intimen Beziehung zu Gott, tief geerdet in der von Christus zugesprochenen Identität, nicht in eigener Sache unterwegs, sondern als Teil von Gottes großer Initiative. Das wäre die Energiewende unseres Lebens.

DANIEL ACKERS ist seit November 2014 Missionsleiter, er lebt mit seiner Frau Claudia in Hannover.

Photo: © gregepperson / photocase.de

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